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Vorsicht

01.02.06 Weil die Selbstliebe eine Voraussetzung ist, andere Menschen lieben zu können, ist die alltägliche Lieblosigkeit in Deutschland schnell erklärt: Die Deutschen mögen sich selbst nicht. Zum Beispiel essen sie, um satt zu werden und nicht, um sich und ihrem Körper etwas Gutes zu gönnen. 272 Euro gibt ein deutsche Privathaushalt, der statistisch immer noch 2,1 Personen umfasst, im Monat für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren aus. Davon entfallen 197 Euro auf Lebensmittel und beachtliche 53 Euro auf Drogen wie Alkohol, Nikotin, Kaffee und Tee. Mit 197 Euro im Monat oder 6,57 Euro pro Tag können zwei Menschen ihren Hunger stillen, doch nicht essen. Gerade einmal 1,3 Kilo Schweinefleisch und 460 Gramm Rind leistet sich der deutsche Durchschnittshaushalt im Monat. Zusammen mit Fleischwaren wie Wurst gibt er dafür 47 Euro aus, ungefähr so viel, wie ein Kilogramm Rinderfilet kostet. 43 Euro stehen für Gemüse und Obst im Monat zur Verfügung, wobei größtenteils Trocken-, Tiefkühl- und Konservenware auf den Tisch kommt. Nur 16,80 Euro werden vom deutschen Durchschnittshaushalt für Frischware ausgegeben, also 27 Cent pro Person und Tag. Dafür bekommt man nicht einmal eine leidlich schmeckende Tomate.

Da es sich bei diesen Zahlen um Durchschnittswerte handelt und man davon ausgehen kann, dass eine beträchtliche Zahl von Haushalten das Zehnfache ausgibt für Lebensmittel, muss eine vielfach größere Zahl von Haushalten mit einem Bruchteil der erbärmlichen Durchschnittsausgaben auskommen. Dies erklärt vielleicht auch den relativ hohen Anteil für Drogen am Haushaltsgeld. Rund 8 Euro, fast halb so viel wie für frisches Obst und Gemüse, gibt der Durchschnittshaushalt für Kaffee und Tee aus, 18 Euro für Tabak und 27 Euro für alkoholische Getränke. Selbstverständlich kann man sich für solche Summen nur Minderwertiges leisten, kostet doch eine 20er-Packung papierfreier Zigarillos mindestens 8, ein Liter Wein, der neben Trunkenheit auch Genuss gewährt, mindestens 9 Euro. Tatsächlich aber beträgt der Durchschnittspreis eines in Deutschland verkauften Liter Weins 2,32 Euro. Für diesen Endverbraucherpreis lässt sich gewiss ein Getränk herstellen, aber ebenso gewiss kein den geringsten Ansprüchen genügender Wein. Der hohe Drogenanteil von 21,3 % am Gesamtetat für die Ernährung bestätigt die Vermutung, dass Drogen vor allem zur Vernebelung des nicht nur kulinarischen Elends missbraucht werden. Ein Volk freilich, das sich so schlecht ernährt, darf sich nicht wundern, dass es immer kränklicher wird. Mehr als für Fleisch, Fleischwaren, frisches Obst und Gemüse zusammen geben die Deutschen in der Apotheke aus, 68 Euro pro Haushalt und Monat.

Dass es im immer noch reichen Deutschland viele Menschen gibt, die sich tatsächlich keine bessere Ernährung leisten können, ist ein Skandal. Die Mehrheit der Deutschen aber leistet sich keine bessere Ernährung, weil sie für viel Geld vergeblich versucht, sich durch die Anschaffung angesagter Klamotten, übergroßer Autos, jeden Raucher nach Luft ringen lassender Duftwässerchen etc. Prestige zu erkaufen. Und diese Dummheit scheint mir noch größer als das soziale Elend hierzulande.

pawek@web.de © 2006 Karl Pawek a

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