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Vorsicht

01.05.07 Der Irrtum politisch Korrekter besteht in der Annahme, durch den Sprachgebrauch ließen sich die Verhältnisse ändern. Selbstverständlich kann man den eingewanderten Ausländer nennen, wie man will, meinetwegen auch „Menschen mit Migrationshintergrund“, aber bestenfalls wird dies zur Folge haben, dass die Rechten das Schimpfwort „Kanake“ durch das Schimpfwort „Migrationshintergrund“ ersetzen. Und ob Gott vielleicht doch eine Göttin sei, ist unerheblich, eher kontraproduktiv für die Menschheitsaufgabe, den religiösen Wahn zu überwinden.

Die Bedeutung des Sprachgebrauchs liegt nicht in der Vokabel, sondern in deren Interpretation und Anwendung. Wörter sind zu allem gut. Sie können beschönigen, verschleiern, diffamieren, kategorisieren, mobilisieren. Sie können aber auch als Werkzeug der Aufklärung genutzt werden. Eine nach bestem Wissen richtige Benennung ändert zwar nichts am Benannten, das immer unabhängig von der Sprache existiert, sie ist aber die Voraussetzung für jede Erkenntnis, jedes Verständnis. Ein falscher Sprachgebrauch lässt den Sprechenden in Dummheit verharren.

Oft sind es nicht zufällig aus der Mode gekommene Begriffe wie „Zeitvertreib“, die ein Phänomen sehr viel treffender, verständnisfördernder benennen als ihre neudeutschen Alternativen. Heute verbringen die Menschen einen großen Teil ihrer Freizeit mit Relaxen, Zappen, Chatten, Googeln, Sudokurätseln. Damit füllen sie ihre von Arbeit und anderen Notwendigkeiten freie Zeit aus, doch in Wirklichkeit nutzen sie nicht ihre freie Zeit, sondern vertreiben sie, leisten sich also Zeitvertreib.

Da Zeit im endlichen menschlichen Leben etwas sehr kostbares ist, sollte es doch verwundern, dass die meisten zeitreichen Menschen sie vertreiben durch Ablenkung, durch Betrachten sinn- und nutzloser Fernsehprogramme, durch das fruchtlose Aneinanderreihen von Zahlen, durch ziellose Mobilität. Sie tun gerade so, als wäre ihnen ihre freie Zeit lästig wie die Wartezeit beim Zahnarzt. Mit dem massenhaft betriebenen Zeitvertreib bestehlen sich die Menschen selbst um einen Teil ihres Lebens, potentiell ihren besten Teil. Zeitvertreib ist eine Konsequenz menschlicher Idiotie.

Nun wird fast kein Mensch als Idiot geboren. Wenn er in die Welt gepresst oder operiert wird, ist er zwar körperlich geformt, in seinem Wesen aber ein Programm mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten. Erst Vorbilder, fremdbestimmte Normen, erzieherische Abrichtung reduzieren die unendlichen Möglichkeiten auf wenige Verhaltens- und Denkweisen. Diese gesellschaftliche Reduzierung des Potentials, die sich als biologische im Alter wiederholt, macht die Jugend zu einem sehr betrüblichen Lebensabschnitt, nur merken dies die Jungen noch nicht und die Erwachsenen nicht mehr, da auch ihnen in ihrer Jugend jedes Bewusstwerden von Möglichkeiten über das Gewohnte hinaus ausgetrieben worden war.

Das Einzige, das wirtschaftliche und daher auch politische Unternehmer am Menschen interessiert, ist ihre Nutzbarkeit und Regeneration als Arbeitskraft und Normwesen. Am liebsten wären ihnen Menschen, die ihre arbeitsfreie Zeit ausschließlich dafür nutzen würden, sich fit zu halten. Nicht aus Menschenliebe, sondern aus Profitinteresse werden noch in schlechtesten Zeiten unzählige Sportanlagen gebaut, wird Sport mit Milliardensummen subventioniert. Da aber kein Mensch bis zum Schlafengehen ununterbrochen mehrere Stunden Sport treiben kann, bleibt ein Rest von freier Zeit, in der Menschen auf für sie nützliche, für die Herrschenden freilich gefährliche Gedanken kommen könnten. Diese Zeit muss daher möglichst vertrieben werden. Dazu dient eine sehr profitable Unterhaltungsindustrie, die sich die Zeitvertreibung teuer bezahlen lässt von jenen, die sie um ihre freie Zeit betrügt.

pawek@web.de © 2007 Karl Pawek a

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