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Vorsicht

01.06.07 Zu den interessantesten, politisch klügsten und vertrauenswürdigsten Menschen, denen ich begegnete, zählt Wolfgang Abendroth (1906 – 1985). Im Alter von 14 Jahren trat er dem Kommunistischen Jugendverband bei und ließ sich auch durch vier Jahre Haft im Nazizuchthaus Luckau nicht eines Schlechteren belehren. Eine Bewährung als Soldat in der Strafdivision 999 missbrauchte er gar, um zur griechischen Widerstandsorganisation ELAS zu desertieren. Nach dem Krieg lehrte er als Jurist zunächst an den Universitäten Halle, Leipzig und Jena. 1948 übersiedelte er in den Westen. In einem Brief an die thüringische Volksbildungsministerin Hilde Benjamin begründete er seinen Schritt mit der Herausbildung des Blocksystems in der sowjetischen Besatzungszone, versicherte ihr aber zugleich, sich im Westen nie gegen den Sozialismus instrumentalisieren zu lassen, da er trotz der Aufgabe seiner Tätigkeiten Sozialist bleibe.

Am 15. November 1950 wurde der "Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer" (Jürgen Habermas) zum Professor für wissenschaftliche Politik an der Philosophischen Fakultät der Universität Marburg ernannt. Als Marxist, der rechtstaatliche Grundsätze als Voraussetzung für die Realisierung einer sozialistischen Gesellschaft verteidigte und dafür die Weiterentwicklung der Menschenrechte und der bürgerlichen Freiheiten forderte, war und blieb er dem akademischen und politischen Establishment suspekt. Da er sich weigerte, sich vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund, der ehemaligen Studentenorganisation der SPD, zu distanzieren, wurde er 1961 aus der SPD ausgeschlossen. Als Gründungsmitglied und erster Vorsitzender des Sozialistischen Bundes war er zusammen mit Ernst Bloch, Ossip K. Flechtheim und Erich Kästner Mitglied des Kuratoriums der Kampagne für Demokratie und Abrüstung – Ostermarsch. Nach der Konstituierung der DKP gehörte Abendroth dem Wissenschaftlichen Beirat des Instituts für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) an und wurde zu einem der wichtigsten akademischen Förderer der studentischen 68er Rebellion, obwohl er allen revolutionären Bestrebungen, die nur von einer intellektuellen Minderheit ausgingenen, skeptisch gegenüberstand.

Nicht kennen lernen möchte ich Frau Christine Nagel, noch wissenschaftliche Angestellte an der Universität Gießen. Da sie Professorin werden will im neuen Deutschland, beteiligt sie sich eifrig an der denunziatorischen, verdummenden Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus. Sogar in ihrer Habilitationsschrift über die deutsche Mittelalterforschung fand sie einen Schlenker, Wolfgang Abendroth eine Verbindung zum Staatssicherheitsdienst der DDR anzudichten. Diese Verleumdung musste sie zwar zurücknehmen, doch nun ist ein „aussagekräftiges Dokument“ im Bundesarchiv Berlin „aufgetaucht“, das Frau Nagel helfen soll, ihre Aversion gegen den Sozialisten Abendroth in der FAZ (25. 5.2007, S. 35) zu begründen: „ An seinen Verbindungen zur politischen Führung der DDR, von ihm selbst bewusst und aus innerem Antrieb gepflegt, dürfte nun kein Zweifel mehr bestehen.“

Abendroth hatte es nämlich gewagt, der DDR-Führung zum Tod des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht am 1. August 1973 zu kondolieren: „Einer der Größten aus der Tradition der Arbeiterbewegung ist von uns gegangen und gleichzeitig einer der Größten der Geschichte des deutschen Volkes. Mochte ich oft Probleme anders gewertet haben, als er es tat (und in vielen entscheidenden Fragen hat sich gezeigt, dass er im Recht war, wenn auch, wie mir immer noch scheint, in manchen nicht), so ändert das nichts an seiner ungeheuren historischen Leistung, der die DDR so viel verdankt, aber auf lange Sicht auch die westdeutsche Arbeiterbewegung und der internationale Sozialismus. Vor allem kann es nichts daran ändern, dass er uns – der Generation nach ihm, die nach dem Ersten Weltkrieg in die Bewegung eintrat, aber auch und erst recht den Jungen – stets ein Vorbild an Treue zu Humanität und Sozialismus und an wissenschaftlicher Konsequenz in der Anwendung des Marxismus gewesen ist und bleiben wird.“

So schändlich die Absicht auch ist, mit der Veröffentlichung dieses Kondolenzschreibens Wolfgang Abendroth denunzieren zu wollen, bleibt die Veröffentlichung selbst dankenswert, freilich kein Verdienst von Frau Nagel. Hier hat wieder einmal nur ein blindes Huhn ein Korn gefunden.

pawek@web.de © 2007 Karl Pawek a

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