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Vorsicht
01.10.02 Unter dem Titel „Ben je bang voor mij?“ (Hast du Angst vor mir?) fand am 22.9. im Amsterdamer Kulturzentrum Paradiso ein Thementag über die Möglichkeiten und Bedingungen einer multikulturellen Gesellschaft statt. Teilnehmen an der Veranstaltung wollte auch Ayaan Hirsi Ali, 33, Politologin aus Somalia. Doch mehrere Morddrohungen gegen die Muslimin veranlassten die Amsterdamer Polizei, Frau Ali von einem Besuch der Veranstaltung dringend abzuraten. In einer Diskussionssendung des niederländischen Fernsehens hatte sie es einige Tage zuvor gewagt, die Frauenfeindlichkeit vieler islamischer Glaubensbrüder, vor allem die vielerorts praktizierte Frauenmisshandlung wie die Beschneidung anzuprangern. Für einige islamische Fundamentalisten in den Niederlanden hatte sie damit ein todeswürdiges Verbrechen begangen.
Selbstverständlich beklagten die Verfechter multikultureller Gemeinsamkeit auch dieses alltägliche Ereignis. Dabei merkten sie gar nicht, dass auch Todesdrohungen gegen Religionskritiker zu den kulturellen Eigenarten gehören und daher eigentlich toleriert werden sollten. Wer unter einer multikulturellen Gesellschaft nicht nur eine folkloristische Veranstaltung versteht, muss auch akzeptieren, wenn Angehörige fremder Kulturen Grundwerte der eigenen Kultur missachten oder sogar bekämpfen. Da dies aber dem Traum von einer heilen „Seid-nett-zueinander-Gesellschaft“ widerspricht,  werden solche Konflikte verdrängt.
Für mich aber, der ich mich einige Jahrzehnte lang gegen jede Form der Zensur, der Unterdrückung engagiert habe, ist die Frage des Paradiso-Thementages klar zu beantworten. Ja, ich habe Angst davor, dass Fundamentalisten jeglichen Couleurs die wenigen Errungenschaften unserer westlichen Zivilisation zerstören werden, sobald sie die Macht dazu erlangen. Dabei will und kann ich sie nicht eines Besseren belehren. Innerhalb ihrer Kulturen müssen die notwendigen, oft brutalen Auseinandersetzungen zwischen Traditionalisten und Revolutionären geführt werden. Auch bei uns hat dieser Kampf seit dem Mittelalter unzählige Menschenleben gekostet und war dennoch notwendig. Nur bin ich nicht bereit, Verächter der Toleranz in meinem Umfeld zu tolerieren. Wer diese meine Haltung für reaktionär hält und gleichzeitig z. B. die Niedermetzelung südamerikanischer Indianer durch „christliche“ Glaubenskämpfer beklagt, ist schlicht zu dumm, um in gesellschaftspolitischen Fragen mitreden zu können.


pawek@web.de © 2002 Karl Pawek a

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