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Vorsicht
02.03.04 Erinnern Sie noch die Häme, mit der hierzulande die Auszählpannen bei den  amerikanischen Präsidentenwahlen kommentiert wurden? Zu blöd zum Zählen seien die Amis, hieß es damals. Vor allem die Auszählung in Florida mit seinen nur 13 Millionen Einwohnern wurde zur Lachnummer an deutschen Stammtischen.

Am letzten Februarwochenende 2004 hat nun die Bevölkerung des Stadtstaates Hamburg (1,7 Millionen Einwohner) eine neue Bürgerschaft gewählt. Sensationell war nicht nur das Wahlergebnis für die CDU, sondern auch die Wahlbeteiligung. Bis kurz vor Mitternacht betrug sie 78,8 %, musste dann aber um gut 10 auf 68,7 % korrigiert werden. Während es im sehr viel größeren Florida um nicht einmal 1000 Stimmen ging, die strittig waren, verrechneten sich die Hamburger um 120 000 Wähler. Aber niemand lacht, auch nicht über vorausgefüllte Stimmzettel oder die Tatsache, dass die in den Listen für die Wahlbezirke addierten Prozentzahlen der Parteien mehr als 100 ergaben. In vielen Internet-Vorveröffentlichungen (z. B. dem faz.net) wurden die Angaben zur Wahlbeteiligung kommentarlos herausgestrichen oder korrigiert, nur die Suchmaschinen nennen noch die ursprünglichen Inhalte.

Die falschen Angaben zur Wahlbeteiligung, erklärte der Wahlleiter inzwischen, entstanden aus zwei Gründen: Als Basis für die Hochrechnung der Wahlbeteiligung wurden in 20 (Spiegel) oder 21 (Hamburger Abendblatt) Wahllokalen die abgegebenen Stimmen gezählt. Diese Stichprobe sei wohl zu klein gewesen. Außerdem hätten längst nicht alle Briefwähler ihre Stimmzettel zurückgeschickt.

An den Briefwählern kann die Auszählpanne kaum gelegen haben, wurden zur Bürgerschaftswahl 2004 mit 174 103 Wahlunterlagen doch 42 637 weniger angefordert als im Jahre 2001. Selbst wenn die relativ wenigen Briefwähler relativ weniger Stimmzettel zurückgeschickt haben sollten als 2001, muss die Differenz entsprechend der allgemeinen Wahlbeteiligung unter 10 000 liegen. Somit bleibt immer noch ein Unterschied von 110 000 Stimmen ungeklärt.

Es wäre schon ein großer Zufall, wenn in den 20 oder 21 ausgewählten Wahllokalen die Wahlbeteiligung um 10 % höher gelegen hätte als in den über 1100 restlichen. Und nicht genug damit. Bei diesen überdurchschnittlich fleißigen Wählern in wenigen über das gesamte Stadtgebiet verstreuten Wahllokalen muss es sich auch noch um Langschläfer gehandelt haben, denn bis 11 Uhr lag die hochgerechnete Wahlbeteiligung  unter der des Jahres 2001. Zufälle gibt es, die gibt es gar nicht!

Nebensächlich freilich ist die Frage, ob Dummheit oder Manipulation die Ursache der Verwirrung ist. Wie immer auch ein Wahlergebnis lauten mag, die tatsächlich ausgeführte Politik beeinflusst es kaum. Zu den wenigen 68er-Sprüchen, die ihre Gültigkeit behalten werden, gehört die Feststellung: Wenn Wahlen etwas bewirken könnten, wären sie längst verboten worden.

pawek@web.de © 2004 Karl Pawek a

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