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Vorsicht

02.05.06 Ich mag Filme, vor allem jene, die zu gut sind, um in den Kinos ein ausreichendes Publikum zu finden und deren Rechte daher billig an Fernsehanstalten verscherbelt werden. Fast täglich schaue ich mir einen an, jeder zweite lohnt die Aufmerksamkeit. Wer über Kabel oder Satelliten fernsieht und einen guten Festplattenrecorder besitzt, kann sich aus dem Filmangebot der Fernsehanstalten in wenigen Jahren eine Cinemathek zusammenstellen, die qualitativ keinen Vergleich mit den Sammlungen mancher Filmmuseen scheuen muss.

Doch erträglich ist die Präsentation von Spiel- und Dokumentarfilmen allein bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten, obwohl auch sie immer häufiger durch meist überflüssige Texteinblendungen die Zuschauer irritieren. Unverschämt dagegen verhalten sich die Kommerzsender. Nicht genug damit, dass sie die Wiedergabe eines Films durch schrille, schmerzhaft laute Werbeblöcke mehrfach unterbrechen und dadurch jede Dramaturgie zerstören, lassen sie dem Zuschauer am Ende eines Films keine Sekunde Zeit, das Werk nachwirken zu lassen. Gleichgültig, wie erschütternd, rührend oder ermutigend die Geschichte endet, schlagen die Kommerzsender sofort mit Getöse und Geplapper aufs Gemüt, als wollten sie mit allen Mitteln eine Besinnung verhindern. Der Abspann wird, wenn es irgendwie möglich ist, unterschlagen.

Der Umgang von RTL & Co. mit Filmen offenbart vielleicht am deutlichsten den Missbrauch von Inhalten als Werbeumfeld. Da die meisten Menschen nicht bereit sind, für Inhalte einen angemessenen Preis zu zahlen (Geiz ist eben nicht geil, sondern blöd und zu Recht, Ihr Rompilger und Kirchensänger, eine der sieben Hauptsünden), müssen die Inhaltskosten durch Werbeeinnahmen (über-)kompensiert werden. Da die Werbung oft besser ist als das Programm oder der redaktionelle Inhalt, ist gegen sie nichts einzuwenden. Zum Skandal wird die Angelegenheit erst, wenn Werbung eine künstlerische Leistung nicht nur missbraucht, sondern zerstört. Bezeichnend dabei ist, dass geschwätzige Theaterstücke von Goethe, Erziehungsdramen von Lessing oder nationale Weihestunden mit Schiller trotz der prekären Finanzlage der Bühnen nie von Werbeblocks unterbrochen werden. Das Publikum würde es sich verbitten, jede Theaterkritiker seine Empörung herausschreien. Doch Filme, die nicht selten intelligenter, geformter, bedeutender sind als die meisten nicht von Shakespeare geschriebenen Theaterstücke, gelten immer noch als minderwertige Volksbelustigung, die jeder Medienunternehmer nach Belieben verhackstücken darf.

Als ich vor einigen Jahren versuchte, einige Tageszeitungsredakteure zu einer neuen Kampagne gegen die Filmzerstückelung im Kommerzfernsehen zu überreden, erntete ich nur Hohn und Spott. Mein Anliegen sei so was von antiquiert, der Zug längst abgefahren, die Zuschauer hätten sich doch längst an die Werbeunterbrechungen als Pinkelpausen gewöhnt etc. Nun hat ein anderer älterer Herr, der schwedische Regisseur Vilgot Sjöman („Ich bin neugierig“) kurz vor seinem Tod gegen die Unterbrechung von Spielfilmen durch Reklame geklagt und post mortem sogar Recht bekommen: Das Obergericht in Stockholm urteilte, Werbeunterbrechungen verletzen das Urheberrecht eines Regisseurs. Sollte das Urteil auch in letzter Instanz bestätigt werden, brauchen schwedische Fernsehsender die Erlaubnis des Inhabers des Urheberrechts, falls ein Film durch Werbung unterbrochen werden soll.

Gibt es in Deutschland keinen Regisseur, der ein solches Verfahren anstrengt, vielleicht sogar unter Einbeziehung der Kürzungspraxis kommerzieller Fernsehsender? Allerdings würde ein entsprechendes Urteil allein nicht ausreichen, da die Kommerzsender nicht zögern werden, die Rechteinhaber unter Druck zu setzen. Wer ihrer miesen Praxis nicht zustimmt, dessen Werke werden nicht verwendet. Notwendig wäre daher eine Solidarität unter den Inhabern der Rechte, gestärkt durch eine Kampagne aller Menschen, denen Filme wichtig sind. Filmliebhaber könnten sich öffentlich verpflichten, kein Produkt zu kaufen, dessen Werbeplatzierung die Rezeption eines Filmes stört. Und wer als Film- oder Medienredakteur dann immer noch meint, der Kampf gegen den Filmmissbrauch durch Kommerzsender sei antiquiert und sinnlos, soll, wenn er seine Meinung nicht sofort ändert, auch mit körperlicher Blindheit geschlagen werden.

pawek@web.de © 2006 Karl Pawek a

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