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Vorsicht
05.02.04 Auch wenn ihr Name nur Langeweile befürchten lässt, ist die „Sächsische Längsschnittstudie“ doch eine unglaublich spannende Lektüre. Alles begann 1987 noch zu Zeiten der DDR. Damals gaben zum ersten Mal 1200 Schüler aus Leipzig und Chemnitz Auskunft über ihre Lebenssituation und  -haltung. Seither wurde die Befragung jährlich wiederholt. An der jüngsten Studie beteiligten sich immerhin noch 419 der inzwischen erwachsen und bundesdeutsch gewordenen Menschen, 92 waren in die alten Bundesländer gezogen, 5 ins Ausland, der Rest muss wohl als verschollen gelten.
Das Kostbare an dieser Studie ist, dass sie über den Zeitraum von 17 Jahren die Erwartungen und Entwicklungen junger Menschen dokumentiert, die noch im DDR-Sozialismus aufgewachsen sind und nun als Erwachsene im Kapitalismus leben.
Obwohl die meisten von ihnen die Wiedervereinigung immer noch begrüßen, dokumentiert die Studie interessante Veränderungen. So sahen 1987 in der DDR 77 % der befragten Schüler und Schülerinnen eine „gesicherte Zukunft“ für sich voraus. Seit 1996 schwankt dieses Vertrauen zwischen einem und vier Prozent. Noch 1994 schätzten 46 % der Befragten das für sie neue Wirtschaftssystem und 33 % das neue politische System positiv ein, 2003 waren es nur mehr 26 bzw. 22 Prozent. Lehnten 1992 noch 37 % einen reformierten, humanistischen Sozialismus entschieden ab, betrug der Anteil strammer Antisozialisten 2003 nur mehr 20 %, und nur mehr 11 % hoffen, dass das gegenwärtige Gesellschaftsmodell für immer erhalten bleiben möge.
Während die auch in dieser Studie deutlich werdende Ostnostalgie (in der DDR gab es nach Meinung der Befragten höhere soziale Sicherheit, bessere Kinderbetreuung, Familienförderung, Schulbildung, ein besseres Verhältnis der Menschen untereinander) kein Mitleid wecken sollte, da jeder wissen konnte, was ihn im Westen erwarten würde, ist eine beiläufige Erfahrung höchst aufschlussreich: 1987 war in der doch so undemokratischen, verknöcherten DDR für immerhin 17 % der Befragten die „aktive Teilnahme am politischen Leben ... sehr bedeutsam“. 2003, unter der doch so modernen, innovativen rotgrünen Koalition, galt dies nur mehr für 3 %. In dieser Veränderung spiegelt sich mehr als nur Resignation. Sie verweist vielmehr auf ein Phänomen, das auch am Rückgang der Wahlbeteiligung erkennbar wird. Unsere Demokratie verkommt zur Schicksalsgemeinschaft. Abgesehen von jenen, die eine Parteikarriere anstreben, hat niemand mehr Lust, sich an der Gestaltung der Verhältnisse zu beteiligen. Zum einen mag dies daran liegen, dass niemand mehr ernsthaft an eine Veränderungsmöglichkeit glaubt. Bedeutsamer noch scheint mir die Vermutung, dass im sogenannten „Informationszeitalter“, in der spätkapitalistischen „Mediendemokratie“ schlicht das ökonomische und historische Wissen verloren ging, das eine politische Mitbestimmung erst möglich macht. Wo Vorurteile mobilisiert oder Besitzstandsinteressen gefährdet werden, sind nur noch Widerstandsmanifestationen denkbar. Politische Weichenstellungen dagegen werden mangels eigener Kompetenz nahezu unbemerkt hingenommen. Diese Politikabstinenz der Bevölkerung, die Griechen nannten das „Idiotisierung“, ist sehr viel schwerwiegender als ihre viel beklagte Lese- und Rechtschreibschwäche. Da es sich aber über Idioten  leicht regieren lässt, solange man sie nur bei Laune hält und ein wenig kontrolliert, stört die Entpolitisierung keinen Politiker. Und im Unterschied zu Analphabeten sind politische Idioten auch für Unternehmer kein Problem, im Gegenteil. Je unpolitischer ein Mensch ist, desto leichter lässt er sich gebrauchen. Was BILD allein nicht schaffte, konnte doch noch im Zusammenspiel von Politik und Medien verwirklicht werden: der Triumph der Idiotie.


pawek@web.de © 2004 Karl Pawek a

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