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Vorsicht
05.06.04 Nachdem sich die Menschen satt gesehen haben an den Folterbildern aus dem Ab-Ghureib-Gefängnis in Bagdad und die große Erregung abgeflaut ist, kann endlich die Analyse beginnen.
Aufregender noch als die Tatsache des Folterns in einem amerikanischen Gefängnis war das von allen Medien präsentierte Angebot an Pornographie. Denn um Pornographie handelt es sich bei den Folterbildern zweifelsfrei: Sie zeigen die mentale und sexuelle Entwürdigung von Menschen, wobei sie im Unterschied zu indizierten Gewaltpornos auch noch als Trophäen gestaltet waren.
Da ich gegen jede Zensur bin, habe ich gegen die Präsentation dieser abscheulichen Fotos nichts einzuwenden, im Gegenteil, sie war notwendig, um aus den Vorfällen einen hoffentlich folgenschweren Skandal zu machen. Nur verwunderlich ist es schon, dass kein Staatsanwalt, keine Einrichtung der Selbstkontrolle eingriff, um die Veröffentlichung von Bildern zu stoppen, die sehr viel perversere Vorgänge zeigen als einen überall mit Jugendverbot belegten Geschlechtsverkehr. Die Bilder erschienen auch in konservativen Zeitungen, die heute noch jede unverhüllte weibliche Brustwarze schwärzen.
Selbstverständlich müssen die Verantwortlichen für Folterung zur Verantwortung gezogen, bestraft werden. Doch auch bei dieser Forderung gab es überraschende Aspekte. Sogar kluge, besonnene Kommentatoren verlangten plötzlich lebenslange Haft für Foltermägde und –knechte, obwohl deren zur Debilität neigende Infantilität offensichtlich war. Sie für ihre Taten, deren Strafmaß sich an dem für Raubüberfälle orientieren sollte, zu lebenslänglicher Haft zu verurteilen bedeutet, die Perversität ihrer Handlungen zu leugnen, die Folterungen zu rationalisieren. Andernfalls müssten sogar Staatsanwälte für einen Klinikaufenthalt der Beschuldigten plädieren. Rationalisieren aber lässt sich Folter nicht, da sie fast nie das gewünschte Ergebnis liefert. Sie trägt sehr selten zur Aufklärung bei, dient – wie schon im Mittelalter – nur der Rechtfertigung ihrer selbst. Unter der Folter soll ein Mensch weniger die Wahrheit sagen als gestehen, was man von ihm gestanden haben will. In der Regel funktioniert das auch, nur wenige Menschen haben die Kraft, schweigend sich umbringen zu lassen.
Aber unabhängig von sexualpathologischen und exkulpierenden Aspekten gehört jede Form der Folter verboten und geächtet. Nur sollte dies weltweit gelten. Von Dutzenden Staatschefs ist bekannt, dass sie persönlich für Folterungen verantwortlich sind und dennoch unbehelligt z. B. vor der UNO parlieren dürfen. Reicht unserer Mediengesellschaft das Fehlen von Bildbeweisen aus, um Folterer und ihre Auftraggeber unschuldig erscheinen zu lassen?
Warum also teilt die ganze Welt die Empörung der Araber, der wahren Meister des Folterns? Lange bevor der Westen sie angeblich ihrer Würde beraubte, haben sie mit genau den gleichen Praktiken, wie sie im Abu-Ghureib-Gefängnis angewandt wurden, Dissidenten, konkurrierende Räuberhauptmänner, europäische Forscher und Konsuln traktiert. Sieben Bände brauchte der irakische Gelehrte Abud Alshalghy (1911-1996) , um alle ihm bekannten Foltermethoden Arabiens aufzulisten, aber nicht sein gelehriger Schüler Hussein wird geschmäht, sondern die amerikanische Regierung. Solange bei der Folter mit zweierlei Maß geurteilt wird, verkommt jede eigentlich berechtigte Kritik an den Vereinigten Staaten zum puren Antiamerikanismus.
Im Übrigen ist es notwendig, Methoden der Aussageerzwingung zu diskutieren. Man kann nicht höchste Effektivität in der Terrorismusabwehr fordern und dabei erwarten, dass Mitwisser terroristischer Anschläge ihre Informationen bereitwillig weitergeben. Diese Anspruchshaltung ist schlicht idiotisch. Wir sollten uns lieber ernsthaft mit der Frage beschäftigen, ob es ein Recht zur Lüge gibt, ob kein Mensch gezwungen werden darf, Informationen z. B. über einen geplanten Massenmord preiszugeben? Leider handelt es sich dabei um eine simple Machtfrage. Als Widerstandskämpfer habe ich nicht nur das Recht, sondern die Pflicht zu lügen, auch wenn es mir bestenfalls nachträglich im Erfolgsfall eingeräumt wird. Als Machtbewahrer oder auch nur Büttel dagegen kann ich das Recht auf Lüge oder Verschwiegenheit eines Menschen, dessen Wissen den Tod zahlreicher Mitbürger verhindern könnte, nicht akzeptieren. Freilich kann nur einer von beiden, der Widerstandskämpfer oder der Machtbewahrer, rückblickend gesehen recht gehabt haben. Allein die Geschichte und nicht eine wohlfeile wechselnde Moral wird es entscheiden. Dieses Risiko müssen wir tragen, denn risikolos ist Handeln nicht möglich.
Eher schlau als klug ist der Vorschlag, jede Form der Folter auch künftig zu verbieten im Vertrauen darauf, dass sich in extremen Notfällen schon jemand finden werde, der aus Überzeugung auf eigene Verantwortung die Mittel anwendet, die er zur Informationserpressung für notwendig hält. Ein solches Verfahren entlastet die Gesellschaft, indem es jede Verantwortung auf zufällig Betroffene abwälzt. Doch nicht viele von ihnen werden bereit sein, Job und Freiheit für die Aufklärung zu riskieren, damit die Gesellschaft weiter ihre Hände in Unschuld waschen kann.
Unter den bestehenden Verhältnissen kann es keine Unschuld geben. Wir können nur die Formen der Informationserpressung zivilisieren, indem man dem Wissenden mittels Drogen die Kontrolle über sein Wissen entzieht. Dies darf selbstverständlich nur unter den strengsten, rechtlich äußerst begrenzten und jederzeit überprüfbaren Bedingungen geschehen und setzt eine zur Zeit noch längst nicht gewährleistete demokratische Kontrolle voraus. Trotzdem handelt es sich auch bei diesem Verfahren um Gewaltanwendung, um Vergewaltigung. Daher hat jeder das Recht,  auch diese Befragungstechnik verhindern zu wollen, nur sollte er nicht jammern, wenn er durch seinen moralischen Anspruch zugleich sein eigenes Überleben oder das seiner Mitbürger verhindert. Denn wirklich moralisch handelt nur, wer auch bereit ist, den Preis für seine Moral zu zahlen.

pawek@web.de © 2004 Karl Pawek a

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