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Vorsicht
06.01.2000 In seinem frostig funkelnden Roman über unsere asoziale Gesellschaft egozentrischer ELEMENTARTEILCHEN (DuMont) erwähnt Michel Houellebecq auch die Wiener Aktionisten Nitsch, Mühl und Schwarzkogler und deren „debile Zuschauer“. Dabei muss dem durchaus lesenswerten Autor der Zettelkasten durcheinander geraten sein: Auf Seite 240 behauptet er: „Tatsächlich saß Hermann Nitsch zur Zeit in einem österreichischen Gefängnis seine Strafe für die Vergewaltigung Minderjähriger ab.“ 

Ganz abgesehen davon, dass der Tatbestand Vergewaltigung nicht ganz so eindeutig war, wie von Houellebecq dargestellt, hieß der Beschuldigte nicht Hermann Nitsch, sondern Otto Mühl. Doch wenn es um Sex mit Minderjährigen geht, scheint es auf Details nicht mehr anzukommen, wird der frühere Mitstreiter gleich zum Mittäter. Fast skandalöser noch als Houellebecqs leichtfertiger Umgang mit seinem Halbwissen ist das Verhalten des Lektorats. DuMont ist (oder war) ein nicht unbedeutender Kunstverlag, in dessen Veröffentlichungen die Wiener Aktionisten keineswegs selten und häufig ausführlich vorgestellt wurden. Heute leistet sich dieser Verlag Lektoren, die nicht einmal mehr die Bücher des eigenen Hauses kennen. 

Das deutsche Verlagswesen hat sich auf seiner Jagd nach dem schnellen Geld vom Ballast der Kultur, der Tradition und Seriosität befreit. Wer aber Kultur wie Socken vermarktet, sollte sich nicht mehr auf künstlerische Freiheit berufen dürfen, sondern der Produkthaftung unterliegen. 

pawek@web.de © 2000 Karl Pawek


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