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Vorsicht
06.07.01 Wofür eigentlich sollen sich Sozialisten entschuldigen? Die Entstehung zweier deutscher Staaten war kein kommunistisches Schurkenstück, sondern die Folge der Aufteilung des tausendjährigen Deutschen Reiches in Besatzungszonen, wobei zuerst eine Eigenstaatlichkeit der Westzonen geplant und betrieben wurde, bevor die Sowjetunion durchaus widerwillig ihrer Besatzungszone ebenfalls eine Pro-Forma-Eigenstaatlichkeit gewährte.
Die DDR war von Anfang an chancenlos. Sie musste scheitern und dies nicht nur an den Konsumverlockungen des Kapitalismus. Auch den Westalliierten hat es einige Mühe gekostet, mittels Umerziehung aus gläubigen Nationalsozialisten so etwas ähnliches wie Demokraten zu machen, obwohl sie Zigaretten, Schokolade, Seidenstrümpfe und Hollywoodfilme fast unbeschränkt zum Anreiz und zur Belohnung einsetzen konnten und über ein Wirtschaftssystem verfügten, das den Deutschen zumindest vertraut war. Die DDR dagegen, aber das schätzte man in der Sowjetunion völlig falsch ein, sollte mit einem Staatsvolk aufgebaut werden, das jeden Sozialismus, solange er nicht vor allem national war, abgrundtief hasste. Mangels ökonomischer und ideologischer Motivation konnte die DDR nur durch Zwang stabilisiert werden, wobei bis zuletzt deutsche Sozialisten, ob sie es nun wahrnehmen und wahrhaben wollten oder nicht, nur als Kollaborateure der Sowjetmacht agierten. Wie im Westen wurden auch im Osten alle wesentlichen Entscheidungen von den Besatzungsmächten getroffen, gelegentlich wie beim Mauerbau sogar in gegenseitigem Einvernehmen. Ohne Grenzsicherung jedenfalls, glaubten damals die Führer in Ostberlin und Moskau, in Washington, London, Paris und sogar in Bonn, würde sich die DDR nicht halten können.
Das freilich war kurzsichtig und dumm und tatsächlich ein unverzeihlicher Fehler der Kommunisten. Warum kamen sie nie auf die Idee, ihr Staatsvolk einfach in den Westen ziehen zu lassen und statt der Antikommunisten  Flüchtlinge, Exilierte aus den menschenrechtsfreien Überseeprovinzen des Kapitalismus zu beherbergen? Ein Staat der Zukunft hätte daraus entstehen können, gegründet – wie moderne Staaten schon heute – nicht auf Bluts-, sondern Gemeinschaftsbande. In solch einer nicht mehr deutschen, aber wahrhaftig demokratischen Republik hätten mutige Menschen aus aller Welt den ewigen Traum von einer Gesellschaft der Gleichen (nicht der Gleichartigen!) ein Stück weiter verwirklichen können. Schnell wäre dieser Staat zum Magneten, bald zum Vorbild geworden. Für solch ein Wagnis allerdings waren die deutschen Sozialisten zu deutsch und zu antiquiert. Sie wollten den Sozialismus partout auf deutschem Boden mit deutschen Untertanen verwirklichen.
Also mussten sie ihr Volk einsperren. Wer für dieses hässliche Notwendigkeit eine Entschuldigung verlangt, verlangt in Wahrheit eine Entschuldigung dafür, in Deutschland und mit Deutschen überhaupt das Experiment Sozialismus gewagt zu haben. Denn Mauer und Grenzsicherung sind nur die Konsequenz aus dem Versuch, deutschen Menschen eine „artfremede“ Ideologie aufzuzwingen. Die kleinbürgerlichen PDS-Sozialisten werden dies jedoch nie begreifen. Sie können bei jedem Rapport noch so sehr die Opfer des Experimentes DDR beklagen, nie wird es ihren westdeutschen Richtern reichen. Denn ihnen geht es überhaupt nicht um individuelle Schicksale, sogar die Mauertoten haben sie weniger betrauert als instrumentalisiert. Sie wissen nur zu gut, dass Todesfälle im politischen Machtkampf, z. B. unter Asylsuchenden an der polnischen Grenze oder unter ganz und gar unpolitischen Zivilisten in Jugoslawien, kaum zu vermeiden sind. Dafür braucht es keine Entschuldigung, nur einen neuen Begriff wie „Kollateralschäden“. Diszipliniert und abgestraft werden sollen nur jene, die sich anmaßten, deutsche Menschen zum Sozialismus verführen zu wollen. Sie müssen sich als Vaterlandsverräter bekennen und für diesen Frevel Abbitte leisten. 
Ein Sozialist aber, der sich dafür entschuldigt, gibt sich selbst auf. Aber das ist auch der Sinn der Sache. Zur Deutschen Leitkultur soll es nie wieder eine Alternative geben.
pawek@web.de © 2001 Karl Pawek a

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