- Home
- Magazin
- Archiv
- Galerie
- Links
Vorsicht

06.09.05 Wer CDU/CSU wählt weiß, was er bekommt: niedrigere Löhne, höhere Verbrauchssteuern, Steuervorteile für kinderlose Großverdiener, Entsolidarisierung usw. Wer SPD wählt weiß, dass er dasselbe bekommt in eher homöopathischer Dosierung. FDP-Wähler waschen ihre Hände in Unschuld. Für sie ist jeder seines Glückes Schmied, freie Bahn dem Tüchtigen, wer lahmt muss sehen, wo er bleibt. Überraschend viele Wähler der Linken ahnen, dass Wählen folgenlos ist (andernfalls wäre es längst abgeschafft), wenn sie trotzdem wählen, tun sie es aus Trotz oder Jux und Tollerei. Allein die Wähler der Grünen scheinen an etwas zu glauben.
Dieses Etwas ist schwer zu fassen. Es ist ein Konglomerat aus heiler, sauberer Umwelt, Angst vor gefährlich scheinenden Technologien, sexueller Selbstverwirklichung, bildungsbürgerlicher Arroganz, kultureller Vielfalt, ein wenig Erziehungsdiktatur (aber nicht über die eigene Brut), Erzwingung der Menschenrechte überall dort, wo es passt, wirtschaftspolitischer Anpassungsbereitschaft an alle „Sachzwänge“, alteuropäischem Dünkel, überstrahlt von der Sehnsucht nach Harmonie. Trotz aller Multikultibeteuerungen sind die Grünen die deutscheste aller Parteien, weniger eine Interessen-, als eine Weltanschauungsgemeinschaft, die den ganzen Staat, am liebsten gleich die ganze Welt, zu einer Wellnesseinrichtung machen möchte.
Die Grünen sind die unpolitischste unter allen Partein in Deutschland, Befindlichkeit und – natürlich nur die eigene, aber vorbildliche – Moral bestimmen ihr Programm, nicht ökonomischer, sozialer und kultureller Gestaltungswille. In ihrem Streben nach dem Guten, Schönen, Heimeligen betreiben sie eine Entpolitisierung, indem sie in unguter Tradition Sündenböcke statt schwer durchschaubare Mechanismen anprangern. Als große Simplifizierer propagieren sie eine Welt ohne Atomkraft und Emissionen, ohne Eingriffe in die Natur, ohne Aggression. „Friede, Freude, Biokuchen“ könnte ihr Motto lauten, verstünden sie nur ein bisschen Spaß.
Das Wahlprogramm dieser Partei mit deutschem Mief- und Muffhintergrund ist voller Plattitüden: „Der Verkehr muss menschlicher werden und nicht umgekehrt.“ Unter menschlich verstehe ich Eigenschaften des Menschen. Wäre mit Verkehr Geschlechtsverkehr gemeint, könnte die Forderung Sinn machen: vögele nicht wie ein Tier, stoß kein Objekt, melke nicht wie eine Maschine. Beim Bumsen sollte der Umgang miteinander tatsächlich menschlich, den Partner nicht missachtend sein. Was aber ist ein menschliche Flug- oder Straßenverkehr, welche menschlichen Eigenschaften soll der Verkehr haben? Und wie sieht das Gegenteil aus? Oder will die Partei, dass die Verkehrsteilnehmer sich menschlicher verhalten, mal rücksichtsvoll, mal egoistisch, mal verträumt, mal aggressiv? Wie man es auch wendet, ergibt es keinen Sinn. Aber nett hört es sich doch an.

Das wohl nachhaltigste Motto der Grünenbewegung seit ihren Anfängen (und noch im aktuellen Wahlprogramm enthalten) lautet: „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.“ Der Satz ist Stuss, bestenfalls Kitsch, aber symptomatisch. Geborgtes Gut sollte man unbeschädigt, unverändert zurückgeben, möglichst ohne Gebrauchsspuren. Tatsächlich ist dies der Kern grüner Ideologie. Die Erde muss genauso bleiben, wie sie ist, bis wir sie unseren Kindern zurück(?)geben. Da das Motto auch für sie gilt, sind Veränderungen, Umgestaltungen für alle Ewigkeit ausgeschlossen. Es mag sogar Grüne geben, die das wirklich wollen.
Aber natürlich bedeutet auch grüne Politik nicht nur Stillstand: „Wir haben die Technikfolgenabschätzung salonfähig gemacht.“ Was ist mit Salon gemeint? Das Besuchszimmer? Ein Mode-, ein Friseurgeschäft? Ein Empfangsabend geistreicher Frauen der Gesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert? Eine Kunstausstellung? Sind das wirklich die Orte, wo Technikfolgenabschätzung stattfinden soll? Welch Verdienst es doch ist, Themen so zu verniedlichen, dass sie salonfähig werden!
Neben verräterischen Plattitüden, sprachlichen Unzulänglichkeiten, die Unzulänglichkeiten des Denkens ausdrücken, durchzieht die Naivität grünen Wollens das gesamte Wahlprogramm. Am deutlichsten wird dies in der Aufeinanderfolge eines Absatzendes und der folgenden Überschrift. Mit Emphase fordern die Grünen, „dass der Islam als gleichberechtigte Religion rechtlich und politisch anerkannt und gesellschaftlich integriert wird.
Gleiche Rechte für Lesben und Schwule“
Nun gibt es durchaus Allahgläubige, die das verdeckte Schwulsein tolerieren, doch Lesben droht in der gesamten islamistischen Welt Steinigung und Schlimmeres. Für die Grünen scheint das kein Problem. Kleinen Kindern ähnlich wollen sie, was nicht vereinbar ist. Die Enttäuschung, das betrifft die grüne Ideologie allgemein, ist unvermeidbar. Enttäuschte Spießer aber entwickeln, wie wir aus der Geschichte wissen, häufig einen Hang zum Gemeingefährlichen. Dann werden vielleicht die Intelligenteren unter den Gutwilligen endlich merken, dass die Grünen der Keim einer neuen Rechten sind.

Wählen Sie, verehrte Leserin, geneigter Leser, wen Sie wollen, oder lassen Sie es bleiben, es kommt wahrlich nicht darauf an. Nur die Wahl der Grünen verbietet sich für jeden, der noch einen Rest politischen Verstandes besitzt.

pawek@web.de © 2005 Karl Pawek a

- Home
- Magazin
- Archiv
- Galerie
- Links