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Vorsicht

06.12.06 Obwohl militante Nichtraucher in ihrem simplen Weltverständnis überzeugt sind, ich würde für meine Rauchertexte von der „Zigarettenmafia“ bezahlt, ist der einzige Lohn meiner Online-Arbeit die Resonanz. Zahlreiche Leserinnen und Leser begnügen sich nicht mit Lob (und seltenen fundamentalistischen Hassausbrüchen), sondern wollen helfen, die Texte bekannter zu machen. Redakteure fragen an, ob ich nicht für ihren Zeitungen schreiben oder an einer Rundfunk-, einer Fernsehdiskussion teilnehmen wolle, Buchhersteller schlagen Buchausgaben vor, Internetportalgestalter bitten mich um Mitarbeit, ein aufklärerischer Verein bot mir sogar die Ehrenmitgliedschaft an, und alle wollen wissen, warum ich nur auf meiner Internetseite veröffentliche.

Anfangs machte ich mir noch die Mühe, ihnen zu erklären, dass ich meine Unabhängigkeit liebe (solange ich sie mir leisten kann) und als Sozialist bei den bürgerlichen Medien nachweisbar ebenso wenig eine Chance habe wie als Zeitgeistverächter bei sich links nennenden Publikationen. Inzwischen verzichte ich auf Erklärungen, nenne mich nur mehr Sozialist und habe meine Ruhe. Niemand, der diese Selbstauskunft bekam, hat auch nur noch den Erhalt meiner Antwort-Mail bestätigt.

Sich in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts Sozialist zu nennen, muss das Schlimmste sein, was man sich antun kann. Die antisozialistische Propaganda hat total gesiegt. Wer es heute noch wagt, sozialistische Errungenschaften als solche zu bezeichnen, gilt als Trottel oder, fast noch schlimmer, als Nostalgiker. In unserer Abstaubergesellschaft darf man alles sein, Spiritualist, Nationalist sowieso, Gottesanbeter, Schnäppchenjäger, Egoist. (Manches muss man sogar sein: Umweltschützer, Denunziant, Atomkraftgegner, Klimakatastrophenvorhersager, Menschenrechtskämpfer, wo es passt, Gegner der Bush- und jeder anderen amerikanischen Regierung.) Allein das Bekenntnis zum Sozialismus ist unverzeihlich. Seit es keine Sowjetunion mehr gibt und damit keine wenn auch ins Gespenstische verzerrte Alternative, gelten Sozialisten als Looser. Ich vermute, dass auch jene interessierten, intelligenten, aufgeweckten Leser meiner Texte, die mir – ein kostbares Geschenk – für meine Arbeit danken, schon so sehr manipuliert sind, dass sie einen Sozialisten für einen Bewunderer Honeckers und der Politbürokratie halten, weil sie keine Ahnung haben, was Sozialismus bedeutet. Allerdings werde ich es ihnen und Ihnen nicht verraten, denn der Sozialismus fällt einem nicht en passant beim Surfen oder Zappen in den Schoß, man muss schon etwas dafür tun, als Erstes lernen, am besten von Karl Marx.

pawek@web.de © 2006 Karl Pawek a

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