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Vorsicht
06.04.05 Johannes Paul II. war ein Papst wie ich ihn mir wünsche: so reaktionär, dass seine Haltung keine Illusionen über eine vermeintliche Modernisierbarkeit der Katholischen Kirche zuließ. Seine Heiligsprechungsmanie, seine Marienverehrung, seine Verdammung jeder nicht zeugungsfixierter Sexualität, sein Kampf gegen Frauen als Priesterinnen, seine Verweigerung ihrer Selbstbestimmung über den eigenen Körper, seine Verurteilung homosexueller Beziehungen machen mich zuversichtlich, dass er als gescheiteter Papst in die Kirchengeschichte eingehen wird. Aber auch sein Tod ist kein Anlass für Trauer. Für ihn selbst bedeutete er Erlösung, Heimkehr, und da sein Nachfolger verspricht, nicht weniger reaktionär zu sein wie Karel Wojtyla, mache ich mir um eine Zeit schindende Reform des Katholizismus keine Sorgen.
Beispiellos in der Geschichte ist allerdings die Solidarität der Glaubensvertreter. Von den Taliban über Ajatollahs und Rabbis bis hin zur Oberpriesterin der afroamerikanischen Sklavenreligion Candomblé würdigten alle, die das Heil im Jenseits preisen (und davon ganz gut leben), diesen Papst. Tatsächlich hat er taktisch klug Glaubensscharmützel nur im Hintergrund geführt, öffentlich dagegen eine einzige Front gezogen zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen. Noch den reaktionärsten Iman nannte er seinen Bruder, doch gegenüber Atheisten kannte er kein Pardon. Sein Werben für Toleranz unter den Religionen entsprang der Erkenntnis, dass geistlicher Beistand gefragt ist, solange Menschen an höhere Wesen glauben, wie immer sie auch heißen mögen. Nur wer glaubt, ist manipulierbar. Und so sehr die Religionsgemeinschaften untereinander auch konkurrieren, im Abwehrkampf gegen die Aufklärung vermochte dieser Papst sie zu einen in der Pfaffensolidarität.
Doch interessanter ist ein anderer Aspekt. Noch nie war so vielen nominellen Katholiken ihre Kirche, ihre Religion so gleichgültig wie heute, trotzdem haben sich noch nie so viele Menschen auf den Weg gemacht, um von einem Papst Abschied zu nehmen. Überall auf der Welt demonstrierten Millionen ihre Betroffenheit, Millionen reisten nach Rom, sogar Fidel Castro verlor seinen Verstand: Nach Rauchverboten auf Cuba ordnete er nun Staatstrauer an für einen Kommunistenhasser. Die cubanische Führung scheint tatsächlich am Ende zu sein.
Allerdings hat die Völkerwanderung anlässlich des Papsttodes wenig mit Religiosität zu tun und gar nichts mit dem katholischen Glauben an Gottvater, Gottsohn und Gottheiligengeist. Wojtylas Tod war vielmehr ein unvergleichliches Event, seit langem erwartet und medial beeindruckend inszeniert. Nicht nur die Andenkenindustrie, auch Buchmacher profitieren von dem Großereignis. Auf die Wahl eines neuen Papstes kann gewettet werden, am 4. April betrugen die Quoten für Dionigi Tettamanzi (Italien) 5:2, für Francis Arinze (Nigeria) 1:4, für Oscar Andres Rodriguez Maradiaga (Honduras) 4:1 und auf Joseph Ratzinger (Deutschland) 7:1.
Vielleicht ein Promille unter den Schaulustigen, höchstens ein Prozent unter den Betroffenen und ganz gewiss nicht die Heulsusen sind nach theologischen Kriterien gläubige Christen. Die überwältigende Mehrheit nutzt den Tod dieses Papstes, um vage, unbewusste Gefühle ausleben zu können. Der Millionenaufmarsch ist Ausdruck schrecklicher Hoffnungslosigkeit.
Wo Politik, Wirtschaft und weitgehend auch Kultur nur mehr die Brutalität des kapitalistischen Marktes praktizieren, wo Profitmaximierung mit ihren zerstörerischen Folgen jeden anderen Lebenssinn verdrängt, wo Medien alle Ursachen und Zusammenhänge unkenntlich machen, erscheint ein kinder- wie arafatfreundlicher, seine Anmaßung durch tapferes Leiden kaschierender Papst als Lichtgestalt. In ihm glaubten Millionen Menschen jene Aufrichtigkeit, Menschlichkeit, Unkorrumpierbarkeit zu erkennen, an der es den weltlichen Führern in Politik und Unterhaltung so sehr mangelt. Weniger Gläubige als Enttäuschte, Betrogene wallfahren zum Leichnam dieses demnächst seligzusprechenden Papstes. Und selbstverständlich Hunderte Politiker, um am Grab Johannes Paul II. für Wählerstimmen zu trauern.


pawek@web.de © 2005 Karl Pawek a

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