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Vorsicht
08. 01. 01 Nazipropaganda halte ich für das dümmste, scheußlichste und gefährlichste Angebot im Internet. Trotzdem bin ich gegen ein Verbot von Naziseiten und eine damit notwendige Zensur und Kontrolle.
Die Angst, Menschen könnten durch rassistische und faschistische Hasstiraden im Internet mobilisiert werden, ist verständlich, vor allem aber beschämend. Denn sie resultiert aus der meist uneingestandenen Erkenntnis, dass die deutsche Bildungs- und Gesellschaftspolitik der letzten 50 Jahre versagt hat. Ein Verbot von Nazipropaganda wäre das Eingeständnis, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung für Naziparolen empfänglich, also latent faschistisch ist. Würde es sich, wie man uns immer wieder versichert, bei diesem Teil nur um ein paar Tausend Verrückte handeln, die sich untereinander über den Stand ihres Wahnsinns austauschen, sich im virtuellen Raum austoben, wäre das Verbot überflüssig, ja kontraproduktiv. Niemand wird Nazi, nur weil er ein Hakenkreuz sieht, und das Leugnen der Judenvergasung überzeugt so wenig wie das Leugnen der Schwerkraft, es sei denn, einer oder eine lebt schon im Wahn und traut sich nur noch nicht, ihn auch zu artikulieren. Zudem bietet die Öffentlichkeit des Netzes einen schnellen Überblick über geplante Aktivitäten, Organisationsstrukturen, die im Untergrund sehr viel schwieriger zu überwachen wären.
Würde es sich also bei den Nazis um die angeblich kleine, isolierte Minderheit handeln, die von der großen Mehrheit ver- oder gar nicht beachtet wird, wäre ein Verbot geradezu dumm. Fürchtet man aber die Popularität der Naziideologie, hilft kein Verbot. Volkes verkommene Seele wird trotzdem den Weg zu ihrem Erlöser finden. Allein Aufklärung könnte dies verhindern.
Somit erweist sich ein Verbot von Nazipropaganda nur als Mittel zu einem selbst faschistoiden Zweck: Es soll ganz allgemein die Kontrolle von Internetnutzern ermöglichen. Schon fordern die Länderinnenminister eine umfassende Protokollpflicht aller Internet-Nutzungen, Konzerne wie Bertelsmann beeilen sich, Filter- und Schutzmechanismen durchzusetzen, damit ihre Softversionen der Sex- und Nazipornographie nicht durch die Hardcoreangebote im Internet vom Markt verdrängt werden. Und man muss schon strafbar dumm und unwissend sein, um an eine Selbstbeschränkung von Zensur, die strikte Reglementierung von Kontrolle zu glauben. Internetnutzerprotokolle laden dazu ein, nicht nur Straftaten, sondern auch Missliebiges, Lästiges, Herrschaftsgefährdendes zu unterbinden. Eine künftige Linke wird dies zu spüren bekommen, und wie ich die deutsche Geschichte kenne, werden die Kontrolleure jene sein, deren heutiges Treiben man vorgibt verbieten zu wollen.

pawek@web.de © 2001 Karl Pawek a


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