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Vorsicht
10.09.02 Wenn ein deutscher Bundeskanzler jede Beteiligung deutscher Soldaten an einem Krieg gegen den Irak ablehnt, spricht er der Mehrheit aller Bundesbürger aus dem Herzen. Diesmal wollen sie keinen Krieg, obwohl sie noch vor kurzem gegen Jugoslawien einen Nato-Angriff für notwendig hielten. Damals ging es angeblich darum, einen Diktator zu stürzen, sein Land von ihm und der Herrschaft seines Clans zu befreien. Wie kann, was vor wenigen Monaten noch richtig schien, heute falsch sein? Sollten die neuerdings so friedliebenden Deutschen tatsächlich bemerkt haben, dass sie von Scharping, Fischer und Konsorten getäuscht, hereingelegt worden sind, dass die meisten Anschuldigungen gegen Milosevic haltlose Erfindungen seiner Gegner waren? Lehnen sie aus Zorn über diesen Betrug und aus Sorge, er könne sich bei der Begründung eines Irakkrieges wiederholen, jedes weitere militärische Abenteuer ab?
Angesichts des deutschen Journalismus (ausgenommen die Redakteure und viele Autoren von „konkret“) ist die Annahme absurd. Deutsche Medien schweigen lieber über den Prozessverlauf in Den Haag, als Ihr Schurkenbild Milosevics zu revidieren, die Rechtfertigung des Nato-Angriffs in Frage zu stellen.
Also muss die neue deutsche Friedensliebe andere Ursachen haben. Der Krieg gegen Jugoslawien war im deutsch-europäischen Interesse. Sowohl wirtschaftlich (Anbindung an die EU, Schaffung eines profitablen Investitionsklimas) wie ideologisch (Eliminierung restsozialistischer Widerspenstigkeit)   machte die Unterwerfung und Aufsplitterung Jugoslawiens Sinn. Darüber hinaus ermöglichte der Krieg auf dem Balkan endlich, den Katastrophenschutz- und Sanitätsverein Bundeswehr als schlagkräftige Einsatztruppe zu präsentieren.
Ganz anders liegen die Verhältnisse im Irakkrieg. Auch in ihm geht es selbstverständlich nicht um Menschenrechte, waren doch viele Verbrechen Husseins nur dank us-amerikanischer Unterstützung möglich. Auch die Furcht vor irakischen Massenvernichtungswaffen ist nur vorgeschoben. Sämtliche Produktions- und die meisten Lagerstätten sind bekannt und könnten innerhalb kürzester Zeit durch gezielte Bombenabwürfe zerstört werden. Bedeutsamer ist schon die Rolle des Öls in diesem Konflikt. Doch abgesehen davon, dass es genügend andere Regime gibt, die sich als Öllieferanten durchaus kooperativ zeigen (müssen), besitzen die USA selbst riesige Ölvorkommen, deren Gewinnung zwar teurer, aber immer noch wirtschaftsverträglich wäre. Wegen des Öls allein würden die USA kein Chaos im Nahen Osten riskieren.
Die wahren Motive des Irakexperimentes sind jedem Kinogänger vertraut: Ein Bandenführer muss hin und wieder Beweise seine Stärke liefern, um seine Mitläufer zu disziplinieren. Dies gilt auch für die Führungsmacht USA. Regionale Konflikte mit gewalttätigen Betbrüdern und marodierenden Räuberbanden eignen sich dafür kaum. Die Rolle des Weltpolizisten kostet nur Geld und bringt kaum Ruhm und Macht. Gelingt die Befriedung, hat man nur seinen Job getan, ging dabei etwas schief, kam einem z. B. eine Hochzeitsgesellschaft in die Quere, steht der Retter gleich am Pranger.
Die Supermacht USA braucht hin und wieder einen richtigen Krieg, um als Macht super zu bleiben. Hierfür bietet der Irak die besten Chancen. Gelingt es, Hussein durch einen us-amerikanischen Statthalter zu ersetzen, hat der Pate seine uneingeschränkte Autorität wieder für einige Zeit gesichert (und reichlich ökonomischen Nutzen davon). Klappt dies nicht sofort und stürzt die ganze Region ins Chaos, werden sich auch aufmüpfige Bezirksbandenchefs ins Lager des Paten flüchten, da dieser seit dem Untergang der gemeinnützigen Alternativorganisation keine Konkurrenz mehr hat. An seinem endlichen Sieg ist unter waffentechnischen Aspekten nicht zu zweifeln.
Man kann Vorbehalte haben gegen diese Art von Krieg, gegen die Anmaßung der USA. Vielleicht sind solche Vorbehalte manchmal sogar nicht schäbiger Natur und frei von Konkurrenzneid. Doch die deutsche Jugoslawienoffensive war um keinen Deut edler, moralischer. Mit ihr hat der Zögling nur den Paten in noch bescheidenem Maße kopiert. Wer damals protestierte, darf und soll es heute wieder tun. Alle anderen halten sich besser zurück.
Denn ihre Ablehnung des Irakkrieges stinkt nach völkischem Antiamerikanismus, nach skrupelloser Geschäftemacherei mit Staaten, in denen Menschenrechte und Demokratie unter gottgefälligen Peitschenhieben verkümmern, nach der Kumpanei sich ewig zu kurz gekommen Fühlender. Wenn dann die arabischen Freunde dank deutscher Zurückhaltung und gelegentlicher klammheimlicher Unterstützung ganz nebenbei auch noch das Judenproblem aus der Welt schaffen, mag das manchem dieser Friedensfreunde, deren Herzen schrecklich finstere Löcher sind, nur recht sein.

pawek@web.de © 2002 Karl Pawek a

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