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Vorsicht
10.11.04 Auch vielen Deutschen hat die Vertragsverlängerung für Herrn Bush als leitenden Angestellten des us-amerikanischen Kapitals Sorgen bereitet. Welcher Art sind diese Sorgen? Sind sie begründet? Rational?
Lehrer berichteten mir, wie entsetzt, ja verzweifelt ihre Schüler über die Wiederwahl des „texanischen Cowboys“ waren. Dieselben Lehrer hatten allerdings bis zu den amerikanischen Präsidentenwahlen immer wieder geklagt, wie schrecklich gering das Geschichtswissen, das politische Bewusstsein ihrer Schüler sei. Wenn aber Unwissende, an Politik völlig Desinteressierte an einem Wahlergebnis leiden, kann dieses Leiden nur durch die Medien hervorgerufen worden sein. Oder die Schüler sind so dumm gar nicht, wie ihre Lehrer meinen, und kamen unabhängig von den Einflüsterungen mehr oder minder geschickter Manipulateure wie Michael Moore (welch Freude es für Leni Riefenstahl gewesen wäre, hätte sie „Fahrenheit 9/11 noch sehen können) zu ihrem Urteil. In diesem Fall freilich wäre ihre Verzweiflung zumindest nachvollziehbar.
Bush und viele seiner Wähler sind Fundamentalisten. Sie verstehen sich als Hüter und Erneuerer konservativer Werte. Doch im Unterschied zu europäischen Fundamentalisten sind sie auch Pragmatiker. Ihr Drang, die Welt zu verbessern, wird nur so lange anhalten, wie er mehr einbringt als kostet. Je mehr ihrer wenigen Verbündeten die Koalition der Willigen verlassen, desto mehr werden sich die USA unverstanden und gekränkt zurückziehen, vor allem ideologisch. Militärisch, das lehrt ihnen der Irakkrieg, werden sie sich auf den Schutz ihrer wichtigsten Wirtschaftsinteressen beschränken müssen, da auch die stärkste Militärmacht der Welt nicht in der Lage ist, mit konventionellen Mitteln gleichzeitig mehrere Kriege erfolgreich zu führen.
Für viele Amerikaner wird der Rückzug in die Isolation unangenehme Folgen haben, da sich der fundamentalistische Eifer verstärkt im eigenen Land austoben muss. Rauchern, Atheisten, Homosexuellen, abtreibungswilligen Frauen stehen noch schwerere Zeiten bevor. Gravierender aber sind die Auswirkungen der Splendid isolation Amerikas für uns Europäer.
Auch bei uns wird eine Renaissance der Werte betrieben. Würde es sich bei diesen Werten um Solidarität, Achtung der Mitmenschen, Verteidigung demokratischer Errungenschaften, Emanzipation und Aufklärung handeln, wäre dagegen nichts einzuwenden, im Gegenteil. Der Abbau dieser Werte hat ein gemeingefährliches Ausmaß angenommen. Doch Europa hängt irrationalen Werte an wie korrekter Moral, konservierender Ökologie, Gesundheitszwang, Toleranz genannte Gleichgültigkeit und Menschenrechtsvorstellungen, die aus der Erfahrungswelt von Pastoren- und Lehrerkindern stammen. Und kein Pragmatismus schützt diese alteuropäische Wertegesellschaft davor, ihre „Weltanschauung“ schrankenlos auszuleben und grenzenlos zu verbreiten. Korrekte Moral kennt nämlich keine Skrupel.
Beängstigender noch ist die Tatsache, dass der fünf Jahrzehnte währende, erst durch den Jugoslawienkrieg beendete europäische Friede der Hegemonialmacht USA zu verdanken war. Allein sie verhinderte die europaüblichen Sonderwege, aus denen die zahlreichen Kriege der letzten Jahrhunderte entstanden sind. Der militärische Schutz Europas durch die USA beinhaltete auch eine Ordnungsfunktion über die Schützlinge. Ohne eine Billigung durch die USA geschah nichts in Europa.
Je mehr sich nun die USA entnervt aus Europa zurückziehen, desto unverfrorener kann hier wieder gezündelt werden – wie immer (s. Jugoslawien) in angeblich bester Absicht. Denn im Unterschied zu den USA unterliegt, wie hierzulande jeder weiß, die Außenpolitik europäischer Staaten selbstverständlich nicht ökonomischen Interessen. Europa giert nicht nach Rohstoffen, sondern nach der Durchsetzung von Menschlichkeit. Europäer töten nur aus Überzeugung.
Man kann also sehr wohl an den Folgen des amerikanischen Wahlergebnisses verzweifeln. Die Gründe dafür werden freilich weder von deutschen Medien genannt, noch in deutschen Schulen erklärt. Das Entsetzen über das amerikanische Wahlergebnis entspringt wohl doch nur den schlimmsten Phantasien des Antiamerikanismus. Er vereint den vermeintlich klügsten Lehrer noch mit seinem tatsächlich dümmsten Schüler.


pawek@web.de © 2004 Karl Pawek a

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