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Vorsicht
11.01.05  Schlau war sich Frankreichs Präsident Chirac vorgekommen, als er nicht nur die Teilnahme am Irakkrieg verweigerte, sondern die Politik der USA scharf kritisierte. Als Lohn seines Handelns erhoffte er sich wirtschaftlichen Erfolg in der islamischen Welt und die Vermeidung islamistischer Terrorakte gegenüber Franzosen.
Während Frankreichs ökonomische Träume noch ihrer Erfüllung harren, erwies sich das Vertrauen in eine frankreichfreundliche Zurückhaltung der Gotteskrieger als Illusion. Chirac sah sich gezwungen, alle französischen Journalisten zum schnellstmöglichen Verlassen des Iraks aufzufordern. Denn kaum waren nach 124 Tagen Geiselhaft die Journalisten Malbrunot und Chesnot (angeblich ohne Lösegeldzahlung) freigekommen, verschwand die Kriegsreporterin Aubenas im Irak.
Wie tief die Illusion, man könne Wohlverhalten von Islamisten erwarten, wenn man sie nur nicht verfolge, in den Köpfen vieler Europäer saß, offenbart das „Tagebuch der Gefangenschaft“, das Malbrunot nun veröffentlichte. Er habe sich schlicht nicht vorstellen können, dass irgendjemand im Irak etwas gegen französische Staatsbürger haben könnte. Ihren Entführern erklärten Malbrunot und Chesnot: „...wir sind französische Journalisten, wir sind da, um zu arbeiten und die Wirklichkeit über die Résistance zu verbreiten. Der Krieg war illegal, die Besetzung ist illegal. Immer wenn es in der Geschichte zu Besetzungen kam, gab es eine Résistance. Wir sind überhaupt nicht auf der proamerikanischen Linie,. Wir haben noch nicht einmal eine Pressekarte der irakischen Interimsregierung.“
Doch all die peinliche, nur durch Todesangst entschuldbare Anbiederung half nichts, auch nicht die lächerliche Behauptung, Frankreich sei „wirklich jungfräulich“ in seinem Verhältnis zum Irak. „Ihr könnt getötet werden“, erwiderten die Entführer und ließen die beiden Franzosen den Abtransport zweier Mazedonier zu ihrer Enthauptung beobachten. Erst allmählich hätten sie begriffen, dass nicht nur Amerika, sondern die gesamte westliche Welt von den Islamisten als Feind betrachtet wird. „Wir wollen den Westen im Herz treffen“, verkündete ihnen ein kultivierter, mit vier Frauen verheirateter Kämpfer Allahs bei einer Tasse Tee und muslimischen Kampfgesängen aus Bosnien.
Bei der nächsten Verlegung in ein neues Versteck hoffte Malbrunot vergeblich auf eine Straßenkontrolle durch amerikanische Soldaten, die ihn aus der Geiselhaft befreien könnten. Vive la France, zumindest jener Teil Frankreichs, der statt Großmaulpolitik Käse produziert.


pawek@web.de © 2005 Karl Pawek a

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