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Vorsicht
11.09.03 Die Deutschen, stellten kürzlich Sozialwissenschaftler fest, lachen immer weniger. Angesichts der wirtschaftlichen Lage und der politischen Hilflosigkeit konnte kaum überraschen, dass auch die Stimmung trüb ist. Es gibt nicht viel zum Lachen in diesem Land.
Doch sollte man sich vor selbstmitleidigen Trugschlüssen hüten. Die Tatsache, dass die Deutschen kaum noch lachen, könnte ganz andere, sogar hoffnungsvolle Ursachen haben.
Lachen, soweit es nicht aus Taktik oder auf Anweisung von Studiohelfern ausbricht, entsteht aus einem Widerspruch zwischen Bewusstsein und Wirklichkeit. Lachen kann daher unter allen Tieren nur der Mensch. Nur er ist in der Lage, gesellschaftliche Normen durch bewusste Selbstkontrolle zu verinnerlichen. Jedes echte Lachen wird durch eine Norm-, zumindest Regelverletzung hervorgerufen. Wir lachen über die Pointe eines Witzes, weil sie uns überrascht, weil sie so gar nicht unserer Erwartung entspricht, oder weil sie etwas benennt, das auszusprechen wir uns versagen, weil es als unfein, gemein, sexistisch oder gar rassistisch gilt. Noch der harmloseste Kinderwitz lebt von dem Ausspruch dessen, was sich nicht gehört oder komisch naiv ist.
Manchmal lachen wir, weil etwas gerade noch einmal gut ging, obwohl die Erfahrung Schlimmes befürchten ließ. Dieses befreiende Lachen resultiert immer aus einem Sieg der Normalität über unser angsterzeugendes Bewusstsein.
Wir lachen auch, wenn jemand in eine Grube fällt, doch wissen wir hierbei zu differenzieren. Ist jemand krank, hilflos, bringt dessen Sturz keinen geistig halbwegs gesunden Menschen zum Lachen. Lustig finden wir es auch nur selten, wenn einem geliebten Menschen solch ein Malheur passiert – es sei denn, er stürzt in seiner Rolle. Als kleiner Junge lebte ich bei meiner geliebten Großmutter. Als sie sich einmal an den Esstisch setzen wollte, zog ich ihr den Stuhl weg, sodass sie, was in ihrem Alter nicht ungefährlich war, auf den Hintern fiel. Bis zur verdienten Ohrfeige lachte ich keineswegs frech, sondern fröhlich. Weder sie noch ich ahnten damals, dass mein Lachen nicht der Person, sondern ihrer Rolle als Autorität galt.
Wenn Lachen eine Antwort auf Normverletzungen ist, dürfen wir vermuten, dass es um so häufiger auftritt, je enger die Verhältnisse sind. Tatsächlich wird nirgends so viel gelacht wie an Stammtischen, in Jungmädchenzimmern, unter Kleingeistern und Menschen mit straffen Disziplinkorsett. Sie können Tränen lachen über Dinge, die andere nur banal, dümmlich oder langweilig finden. Tatsächlich haben Witze eine sehr viel kürzere Verfallsdauer als Geschichten. So können die aufregendsten sexuellen Witze aus den 5oer Jahren heute bestenfalls noch ein Grinsen hervorlocken, denn die Lockerung der Sexualmoral beraubte sie des notwendigen Normenkonflikts.
Wenn also die Deutschen heute weniger lachen als vor 50 Jahren, könnte dies mit einem erweiterten, freieren Bewusstsein zusammenhängen. Es fehlt ihnen nicht an Humor oder Anlässen für Lachsalven, sondern an fremdbestimmten, doch weitgehend verinnerlichten Normen und Regeln. Sie lachen weniger, weil sie freier geworden sind. (Dem widerspricht nicht, dass es über einige Themen wie Umweltschutz oder Mülltrennung nicht einmal Witze gibt. Über solche Witze würde fast niemand lachen, weil Normverletzungen nur dann als lustig empfunden werden, wenn die Normen nicht absolut verinnerlicht sind. Auch Religionswitze funktionieren meist nur bei Ungläubigen oder bei der Konkurrenz.) Natürlich würde auch totale Gleichgültigkeit als Ursache für ein Lachdefizit in Frage kommen. Dem alles wurst ist, der findet nichts mehr lustig. Doch der Gedanke an Befreiung ist mir so viel sympathischer, dass ich ganz fest an ihn glauben will.

pawek@web.de © 2003 Karl Pawek a

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