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Vorsicht
12.06.01 Höchst interessant weil aufschlussreich ist die Beobachtung, dass uns Ereignisse in der Vergangenheit oft als absurd, wahnwitzig erscheinen, wir aber ganz ähnliche Absurditäten in unserer Gegenwart kaum wahrnehmen. Nur noch in Spielfilmen wird gelegentlich augenzwinkernd und immer zur Belustigung der Zuschauer an jene Zeit erinnert, als in den USA jede Herstellung und jeder Verkauf von Alkohol verboten war. Während im Kino schlaue Schmuggler und verwegene Abenteurer die Prohibition zu umgehen wissen und riesige Gewinne erzielen, brachte sie in Wirklichkeit entsetzliches Elend über viele Menschen, ohne auch nur einen Süchtigen von seiner Sucht zu befreien. Man schätzt, dass auf Grund der Prohibition in den USA 35000 Menschen an Alkoholvergiftung starben und eine halbe Million verhaftet, die meisten von ihnen in Gefängnisse eingesperrt wurden. Initiiert  von religiösen Eiferern war die Prohibition ein Exzess des Fundamentalismus, wie er überall auf der Welt, also nicht nur in Afghanistan, jederzeit möglich zu sein scheint.

Nicht nur in den USA erleben wir seit Jahrzehnten eine neue Prohibition, die niemand komisch findet, über die sich kaum jemand aufregt, im Gegenteil. Herrschende Meinung ist es, der Kampf gegen Drogen müsse noch intensiviert werden.
Wenn die USA heute nur 4% der Weltbevölkerung, aber 25% alle Gefängnisinsassen der Erde beherbergen, ist dies nur eine Folge dieser neuen Prohibition. Denn von den z. Zt. zwei Millionen Gefangenen in den USA sitzen 60% jahre-, oft jahrzehntelange Gefängnisstrafen wegen Drogendelikten ab. Die meisten dieser Häftlinge sind farbig, ihre Wärter natürlich weiß. Begleitet von Volksfesten wird in den USA jede Woche ein neues Gefängnis eröffnet. Bereits 400 000 Nordamerikaner arbeiten in der überwiegend privat geführten Gefängnisindustrie, die jährlich rund 40 Milliarden US-Dollar umsetzt. Gefängnisaktien gelten an der Wallstreet als solide Wachstumswerte.

Man kann durchaus gegen Drogen sein, obwohl die Unterscheidung zwischen harmlosen und gefährlichen Stoffen so einfach nicht ist. Manche ärztlich verordnete Aufputschmittel, die auch als Beruhigungsmittel hyperaktiven Kindern verschrieben werden, sind Drogen. Aber auch Alkohol, Nikotin, Koffein, und viele Kräuter müssen zu den Drogen gezählt werden wie jene körpereigenen Stoffe, die beim Joggen und ähnlichen Quälereien entstehen.
Was aber treibt eine Gesellschaft, in der mehr Menschen am Geldmangel krepieren als am Drogenkonsum, dazu, in unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Drogen zu verbieten? Noch vor 200 Jahren hat man Kinder, um sie am Masturbieren zu hindern, ans Bett gefesselt und ihnen zur Beruhigung Morphium verabreicht. Opium war auch in Königshäusern eine beliebte Partydroge, für das Volk gab es Cocain im Softdrink, und bis zum zweiten Weltkrieg wurden auch in Deutschland ganz legal Zigaretten verkauft, die Marihuana enthielten. Nur in den seltensten Fällen starben die Menschen an diesem Drogenkonsum, sehr viel häufiger durch Kriege und sozial bedingte Krankheiten. Aber nicht Kriege, profitable Wasserverunreinigung oder menschenunwürdige Behausungen wurden und werden immer wieder verboten, sondern jene Stoffe, die unerträgliche Verhältnisse erträglicher scheinen lassen. 

Jedes Drogenverbot ist zunächst ein Disziplinierungsmittel, das weniger gegen die Drogen als auf die Erzwingung von Gehorsam gegenüber der Autorität zielt (und daher auch nie für die Teilhaber an der Autorität gilt). Interessant wird dieses Mittel für die Herrschenden immer dann, wenn sich seine Anwendung auch ökonomisch und/oder gesellschaftspolitisch lohnt. Der Drogenwahn verschafft heute den USA Polizeihoheit in weiten Teilen Südamerikas, macht Geschäfte kontrollier- und damit nutzbar. Innenpolitisch erlaubt er die Kriminalisierung der Außenseiter, die Legalisierung des Rassismus. Schwarze sind natürlich keine schlechteren Menschen, doch ermöglicht die Drogenpolitik der USA, gegen den zwar Mitbürger genannten, doch immer noch als Abschaum empfundenen Bevölkerungsteil vorzugehen, ihn in Lager zu sperren, deren von der Öffentlichkeit finanzierter Unterhalt höchst profitabel für einige Teilhaber der Macht ist. Die Verhältnisse in us-amerikanischen Gefängnissen entsprechen den Verhältnissen auf den Baumwollfeldern im 18. und 19. Jahrhundert: Weiße Aufseher disziplinieren farbiges Menschenmaterial. Was ein Verbrechen war, wurde durch einen Trick zur Pflicht. Über den Umweg Droge legitimieren die von Politikern und ihren Medien manipulierten Untertanen, die Ausgebeuteten, die Minderheiten die Fremdherrschaft über sich selbst. Zu den beeindruckendsten Leistungen des Spätkapitalismus gehört seine Fähigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung als gerechtfertigte Notwendigkeiten darzustellen. Der Kampf gegen Drogen und für Menschenrechte, gegen Pornographie und für Sicherheit, gegen Radikalität und für politische Korrektheit dient letztlich nur dem Zweck, jeden Widerstand der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter zu neutralisieren. Seit sich die Kälber ihre Metzger selber wählen dürfen, glauben sie, es gäbe gar keine Metzger mehr, die Herrschenden wären so gut, so selbstlos, so dumm wie das Volk.
pawek@web.de © 2001 Karl Pawek a


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