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Vorsicht
12.11.03 Ich fürchte, Ex-General Günzel hatte recht: Mit ihm und dem CDU-Abgeordneten Hohmann glauben Millionen Deutsche, dass die Juden selbst an ihrem Schicksal schuld sind.
Allein als Antisemitismus, der nicht nur in Deutschland immer offener und frecher auftritt, sind die Ergebnisse einer EU-Umfrage (Eurobarometer) zu erklären, nach der Israel von Europäern als die größte Bedrohung für den Frieden in der Welt angesehen wird. 59 Prozent der im Oktober 2003 Befragten wählten Israel, jeweils 53 Prozent entschieden sich für Iran, Nordkorea und die USA, China erreichte mit 30 Prozent nur den elften Platz, Russland (21 Prozent) den dreizehnten, und nur 8 Prozent (15. und damit letzter Platz) meinten, von der EU würde die größte Bedrohung des Weltfriedens ausgehen.
Eine regionale Differenzierung der Einstellung gegenüber Israel ergibt deutliche Unterschiede. Während in Italien „nur“ 48 Prozent Israel für die größte Gefährdung des Weltfriedens verantwortlich machen, sind es in Deutschland 65 Prozent. In dieser Haltung werden die Deutschen nur noch von den Luxemburgern (66 %), den Österreichern (69 %) und den Niederländern (74 %) übertroffen. Bemerkenswert ist auch, dass europaweit alle islamischen Länder (Iran 53 %, Irak 52 %, Afghanistan 50 %, Pakistan 48 %, Syrien 37 %, Libyen 36 %, Saudi-Arabien 36 %) für weniger friedensgefährdend gehalten werden als Israel.
Auf historischem Wissen kann diese Einschätzung Israels nicht beruhen. Denn bei aller Kritik an der Verhältnismäßigkeit israelischer Militärmaßnahmen kann niemand nachweisen, dass Israel je einen Krieg provoziert oder aus nichtigem Anlass geführt hat. Israel griff nur zu den Waffen, wenn sein Überleben ernsthaft gefährdet war. Und im Gegensatz zu seinen Nachbarn hat Israel nie angedroht, den Gegner vernichten zu wollen.
Bereits drei Tage nach der auf Grundlage eines UN-Beschlusses erfolgten Proklamation des Staates Israel überfielen arabische Truppen jüdische Siedlungen, eroberten die Altstadt von Jerusalem und Gaza. Trotz eines unter UN-Vermittlung geschlossenen Waffenstillstands unterstützte das UN-Mitglied Ägypten Freischärlerangriffe aus dem Gazastreifen gegen das UN-Mitglied Israel und verweigerte israelischen Schiffen die Fahrt durch den Suezkanal. Israels Sinai-Feldzug von 1956 war kein Eroberungskrieg, sondern ein Akt der Notwehr. Sobald UN-Truppen die Kontrolle über den Sinai übernehmen konnten, zog sich Israel zurück.
Nach keineswegs heimlichen Truppenmobilisierungen in Syrien, Ägypten und Jordanien, die von den arabischen Medien mit Vernichtungsparolen gegen Israel gefeiert wurden, forderte Ägyptens Staatspräsident Nasser am 17. Mai 1967 den Abzug der UN-Soldaten. Damit war klar, dass ein Angriff arabischer Truppen unmittelbar bevorstand. Ihm kam Israel zuvor, indem es im Sechs-Tage-Krieg zunächst die Luftwaffen der feindlichen Nachbarstaaten vernichtete und anschließend die Sinaihalbinsel, Judäa und Samaria, den Gazastreifen und die Golanhöhen zurückeroberte.
Sechs Jahre später starteten Ägypten und Syrien einen koordinierten Überraschungsangriff auf Israel, der mit viel Glück und Mut abgewehrt werden konnte. Die israelischen Truppen besetzten Teile Ägyptens und Syriens. In einem Friedensvertrag mit Ägypten, dessen Präsident Anwar al Sadat dafür von islamischen Fundamentalisten ermordet wurde, erreichte Israel durch die Rückgabe des Sinai die erste diplomatische Anerkennung durch ein arabisches Nachbarland.
Auch der Libanon-Krieg von 1982 wurde allein zur Verteidigung Israels begonnen, um den vom Südlibanon ausgehenden PLO-Terror zu unterbinden. Dass im Verlaufe dieses Krieges israelische Truppen Massaker duldeten, wurde von vielen Israelis als Schande empfunden. Immerhin dauerte es bis 1985, dass sich die israelischen Truppen aus dem größten Teil Libanons zurückzogen. Da Israel mit regulären militärischen Mitteln nicht zu besiegen war, befahlen zwei Jahre später palästinensische Fundamentalisten die erste Intifada, einen von den arabischen Staaten finanziell und logistisch unterstützten Partisanenkrieg.
Wer in Kenntnis der historischen Entwicklung Israel beschuldigt, von allen Staaten den Weltfrieden am meisten zu gefährden, urteilt nicht über die Haltung seiner politischen Führung, sondern über die Existenz dieses Staates. Israel, so lautet die implizite Forderung, müsse sich aufgeben, sich seinen antisemitischen Nachbarn ausliefern, sich zumindest assimilieren lassen. Damit aber wäre, was selbstverständlich niemand offen ausspricht, die nicht nur von den Nazis betriebene Judenvernichtung endlich wieder möglich.
Ich bin mir sicher, dass „gute“ Demokraten und Demokratinnen wie Pamela Anderson, Britney Spears, Elton John, Nina Hagen, Nadja Auermann, Reinhard Mey, Elke Heidenreich oder die Herren mit den „Toten Hosen“ jeden Verdacht des Antisemitismus empört zurückweisen und beteuern, dass ihnen die Unversehrtheit der Juden „unheimlich“ wichtig sei. Doch sie und mit ihnen 20 000 Bundesbürger, 750 000 Menschen weltweit, unterstützen Peta (People for the Ethical Treatment of Animals), einen Verein von Veganern, deren Tierschutzgebot den Verzehr jedes Tierproduktes verbietet. Peta will nun die in den USA gestartete Kampagne „Der Holocaust auf deinem Teller“ auch nach Deutschland bringen. Eine ihrer Bildtafeln konfrontiert z. B. ein Foto zusammengepferchter Hühner mit einem Foto zusammengepferchter KZ-Häftlinge.  Und als wäre dies nicht schon Zumutung genug, kommentiert Peta die Bilddarstellung: „Sechs Millionen Juden sind in Konzentrationslagern gestorben, aber dieses Jahr werden sechs Milliarden Grillhähnchen in Schlachthäusern sterben.“
Schon der Vergleich von Juden mit Tieren ist ungeheuerlich und wird doch noch übertroffen durch die Wortwahl „Grillhähnchen“. So schwer es auch fällt, sich in die perverse Gedankenwelt solcher Tierschützer zu versetzen,  kann die Ersetzung des Gattungsbegriffs „Hühner“ durch das Wort „Grillhähnchen“ nur als bewusste oder unbewusste Anspielung auf die Todesumstände von Millionen Juden verstanden werden, deren Leichen nach der Ermordung verbrannt wurden. Und sollte wirklich seit dem Frühjahr 2003, seit die Kampagne auch in Deutschland bekannt wurde, keiner der Unterstützerinnen, keinem der Unterstützer die Funktion des Wortes „aber“ im Petanerkommentar aufgefallen sein? „Aber“ relativiert das Verhältnis zweier Feststellungen besonders, wenn ungleiche Zahlen nebeneinander gestellt werden. Wie wenig sind doch sechs Millionen verglichen mit sechs Milliarden!

Vielleicht gehört es zum Schicksal des gewöhnlichen Antisemiten, dass er sich seines Antisemitismus gar nicht bewusst ist. Was Herr Bundestagsabgeordneter Hohmann schwätzt, Herr General Günzel lobt, Frau Hagen unterstützt, erscheint ihnen selbst nur vernünftig, objektiv richtig und keinesfalls diffamierend. Stoßen sie frühestens nach zahlreichen Widerholungen ihres Engagements dann doch auf Widerspruch, verstehen sie die Welt nicht mehr, wissen wohl tatsächlich nicht aus eigener Erkenntnis, wofür sie sich entschuldigen sollen.
Oft wissen es die Ankläger in den Gremien und Redaktionen selbst nicht. Sie spüren nur rechtzeitig, dass eine Äußerung, eine Handlung nicht geduldet werden wird von Fremden mit ökonomischer Macht. Aber das ist auch das Einzige, das den Antisemitismus noch im Zaum hält, das Exportinteresse der Wirtschaft. Neue Märkte im rasant wachsenden Reich Allahs werden bald auch diese letzte Grenze der Zivilisation hinfällig machen, wenn es gelingt, durch Antiamerikanismus die einzige Schutzmacht des Judenstaates zu schwächen. Dann wird sich nicht mehr entschuldigt, dann gibt es endlich wieder Meinungsfreiheit nicht nur bei anonymen Befragungen, Sonntagsreden und Tierschutzkampagnen.


pawek@web.de © 2003 Karl Pawek a

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