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Vorsicht

12.10.06 Wer, selbstverständlich unbeabsichtigt, die niederländische Version seiner Suchmaschine aufruft, wofür es schon genügt, z. B. hinter „yahoo“ das Kürzel „nl“ statt „de“ zu verwenden, und einen Suchbegriff eingibt, der auch auf niederländisch eine sexuelle Bedeutung hat wie z. B. „sex“, wird seinen Augen nicht trauen. Er bekommt kostenlos und ohne Altersbeschränkung Bilder zu sehen, die einem deutschen Domainbetreiber Hunderte Euro Bußgeld und in nicht wenigen Fällen auch die Freiheit kosten können. Auf diesen Seiten wird gevögelt und gelutscht, gefesselt und gepisst, dass es deutschen Sittenwächtern nicht nur die Haare abstehen lässt. Nach ihrem verlautbarten Verständnis führen solche Bilder zu Orgien sexueller Gewalt und müssen daher zumindest Normalbürgern vorenthalten werden. Was aber nützt all der Schutz vor Pornographie und deren vermeintlich so schrecklichen Folgen, wenn im Nachbarland niemand Angst zu haben braucht vor Strafandrohungen und das Verwegenste ins Netz stellen darf? Und schlimmer noch, das niederländische Beispiel stellt die Legitimation der Sittenwächter in Frage. Denn dem angeblichen Ziel, sexuellen Missbrauch durch das Verbot pornographischer Darstellungen zu verhindern, nutzt die Zensur wie üblich nichts. Obwohl bei uns vieles beschränkt oder verboten ist, werden in Deutschland nicht weniger Menschen vergewaltigt oder auch nur sexuelle belästigt als in den Niederlanden. Was immer die Volkserzieher uns auch weismachen wollen: Sexuelle Übergriffe sind keine Folge von Pornographie. Vergewaltigung, Pädophilie etc. gab es immer, in prüden Epochen nicht weniger als in sittenlosen, und sie waren sehr viel häufiger in Zeiten, die noch kein Internet, keine Filme, keine Fotos kannten.
Gäbe es den behaupteten Zusammenhang zwischen pornographischem Angebot und sexuellem Missbrauch, müssten Vergewaltigungen in den Niederlanden sehr viel häufiger stattfinden. Man darf gespannt sein. Ab dem nächsten Jahr sollen endlich Kriminalstatistiken EU-weit vergleichbar sein. Ich bin sicher, dass die ähnlichen Zahlen bei sehr unterschiedlichen Zensurmaßnahmen Hunderte Stellen von Sittenwächtern und Selbstkontrolleuren überflüssig machen, doch ganz gewiss nicht beseitigen werden. Denn Sinn von Verboten ist selten der Schutz, sondern meistens die Einschüchterung, Anpassung, Entmündigung. Nur sollte man das – auch bei den geplanten Rauchverboten – offen zugeben.

pawek@web.de © 2006 Karl Pawek a

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