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Vorsicht
14.04.08 

Wenn gute Menschen auch noch dumm sind, wird es gefährlich. Um die Erde vor einer Klimakatastrophe, wie sie alle paar 100 000 Jahre stattfindet, zu retten, um sie im heutigen Zustand für ihre Kinder zu bewahren (gut, dass niemand vor 1000 Jahren auf diese Idee kam), propagieren sie alternative Energien. Atomenergie kommt dafür nicht in Frage, denn sie ist die einzige Energieform, die im Katastrophenfall auch die Gesundheit der Villenvorortbewohner bedroht. Fliegt eine Raffinerie in die Luft, säuft ein Kohlebergwerk ab oder stürzt gar in sich zusammen, lebten die Opfer in weit entfernten Gegenden. Seit dem Bau des ersten Atomkraftwerks sind sehr viel mehr Menschen durch Grubenunglücke ums Leben gekommen als durch Atomunfälle, doch 100 tote Kumpel in China oder Usbekistan sind zwar bedauernswert, vergiften aber nicht die Pilze im Villenpark.

Da Windräder und Sonnenkollektoren nicht effektiv genug sind, um beständig genügend alternative Energie zu liefern, propagierten Umweltschützer die Energiegewinnung aus Pflanzen. Das leider notwendige Auto mit Kraut zu betreiben ist eine Labsal für das Gewissen. Bauernverbände und Rohstoffspekulanten erkannten sehr schnell das ökonomische Potential von „Bio“kraftstoffen und innerhalb weniger Monate explodierten die Preise für Nahrungsmittel wie Reis, Mais, Weizen. Grünen Gutmenschen bereitet es gewiss kein Problem, für ihren Reise oder Dinkel das Doppelte zu bezahlen, aber Hunderte Millionen Menschen können sich die verdoppelten Preise für Grundnahrungsmittel nicht leisten. Die Folgen des bioenergetischen Wahns wären vorhersehbar gewesen, hätte der Horizont der selbstverliebten Gutmenschen über den eigenen Gartenzaun hinausgereicht. Aber noch heute ist die öffentliche Diskussion weniger geprägt vom Mitleid mit den fernen Hungernden als durch die Angst, in zwar fernen, aber für den Export doch wichtigen Gegenden könnten Unruhen ausbrechen.

Was gut gemeint war, entpuppt sich oft als barbarisch. Auch das könnten Gutmenschen, wenn sie nicht so egozentrisch und dumm wären, aus der Geschichte gelernt haben. Denn vielen Verbrechen, die später als solche erkannt wurden, lagen gute Absichten zugrunde. Die Inquisition, die Kreuzzüge, die meisten Kriege entsprangen doch nicht der Laune bösartiger Manipulanten, sondern wurden in vermeintlich bester Absicht initiiert und daher von der großen Mehrheit der sich gut Dünkenden unterstützt. Sogar die Nazis in ihrem Wahn, alles Übel gehe von den Juden aus, konnten deren Vertreibung zum Wohle der restlichen Menschheit für geboten halten. Man muss nur genügend unwissend und verblendet sein, um auch als Antisemit ein gutes Gewissen zu haben.

Ich wünsche mir, die Gutmenschen von heute müssten noch erleben, wohin ihr Gutsein führt und dann vielleicht sogar begreifen, dass es Orwell nicht nur an Talent, sondern auch an Fantasie gemangelt hat.

pawek@web.de © 2008 Karl Pawek

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