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Vorsicht

14.09.05 Meine Bitte, bei der bevorstehenden Bundestagswahl alles, nur nicht die Grünen zu wählen, hat wütende Reaktionen hervorgerufen, wie ich sie bisher nur von Islamisten als bedrohliche Antwort auf meine Islamkritik erhielt.

Der Vorwurf, ich würde mich in meiner Analyse grünen Sprachgebrauchs „lexikalischer Korrektheitswut“ bedienen, verkennt, dass Sprache über die Mitteilung hinaus auch immer Ausdruck des Denkens und Fühlens ist. Unbewusst (Meinungsäußerungen im Konjunktiv, z. B. „ich würde sagen“) oder bewusst (Political correctness mit ihren veränderten Bezeichnungen weiter bestehender Verhältnisse) übermittelt der Sprachgebrauch auch Haltung, Mentalität. Wer gefragt oder ungefragt meinen würde, durch die Umbenennung von Negern oder Zigeunern ließe sich der Rassismus überwinden, ist ein naiver Idealist, der die wirklichen Verhältnisse nur sprachlich verharmlost, statt sie ganz ohne „würde“ und „eigentlich“ zu verändern. Eine Begleiterscheinung dieses verunsicherten Sprachgebrauchs ist die Unschärfe der Sprache als Ausdruck unscharfen Denkens. Manchmal aber verrät die Sprache mehr, als dem Sprechenden lieb sein kann. So ist es kein Zufall, kein Flüchtigkeitsirrtum, wenn die Grünen sich der Salonfähigkeit ihrer Politik rühmen. Schließlich wollen sie die Meinungsführerschaft in ihrem, also im kleinbürgerlichen Milieu gewinnen. An diesem Ziel, nicht an objektiven Gegebenheiten orientieren sich Qualität und Relevanz ihrer Argumente. Ich dagegen wünsche mir eine Gesellschaft, die untersucht, forscht, analysiert und die Erkenntnisse anwendet mit dem Mut zum Restrisiko, statt sich in irgendwelchen Salons oder Kneipen der Gültigkeit ihrer Vorurteile zu versichern.

Auf völliges Unverständnis stieß meine Behauptung, die Grünen seien der Keim einer neuen Rechten. Wer unter rechts nur die Dumpfbacken der NPD u. a. subsumiert, darf empört sein. Mit diesen Dummköpfen haben die Grünen nichts gemein. Doch die Rechte ist sehr viel umfassender und komplexer.

Zunächst gehörten der Rechten jene an, die seit der französischen Revolution im Parlament rechts außen sitzen. Das macht den Begriff „Rechte“ (ähnliches gilt für die „Linke“) zu einer Worthülse, die für die politische Analyse wenig taugt, denn nicht eine Sitzordnung bestimmt die Politik, sondern Ideologie. Unter der Rechten verstehe ich eine Gruppierung mit konservativen bis reaktionären Überzeugungen: Bewahrung bestehender Verhältnisse, gegebenenfalls Rückkehr zu früheren; Nationalismus bzw. Euopäismus; Antigroßkapitalismus, zumeist nur verbal; Festhalten an überlieferten, nicht hinterfragten Werten; Schüren von Angst statt Betreiben der Aufklärung; Fremdenfeindlichkeit; Voluntarismus; Entpolitisierung durch Schaffung privatistischer Betätigungsfelder.

Manche der in dieser sehr unvollständigen Liste aufgeführten Haltungen werden von „Rechten“ und „Linken“ geteilt. Dies erklärt, warum so häufig in der Geschichte „Linke“ zu „Rechten“ und „Rechte“ zu „Linken“ werden. Im Voluntarismus besitzen sie eine gemeinsame Basis. Neben einigen traditionell „rechten“ Gründungsmitgliedern der Grünen kommen die meisten grünen Führungskräfte von der extremen, trotzkistischen oder maoistischen Linken. Ihre Läuterung im Sinne der herrschenden Ideologie bestand in der inhaltlichen Modifizierung ihrer Ziele unter Beibehaltung der traditionellen voluntaristischen statt aufklärerischen Denkmuster:

Grüne teilen das konservativ statische Weltbild zumindest beim Naturverständnis. Sie wollen die Fauna und Flora, das Klima entgegen jeder historischen Erfahrung mumifizieren. Unfähig, den Menschen als Teil der Natur zu verstehen, treten sie extrem voluntaristisch als Naturverbesserer auf. Anders als in der vor-grünen Naturgeschichte darf keine einzige Tierart mehr aussterben; Umweltkatastrophen, die verglichen mit früheren fast harmlos sind, sollen durch Partikelfilter u. ä. unmöglich werden; das Konfliktpotenzial in der Natur, die unverschämte Egozentrik der Zellen, soll grüner Harmonie weichen. Wie ihre braunen Vorläufer glauben die Grünen tatsächlich: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Vielleicht stimmt das sogar, doch wenn der Wille falsch ist, führt der Weg in die Irre.

Auch Nationalismus ist den Grünen nicht fremd, sie transformierten ihn nur in einen Europäismus, der es erlaubt, z. B. in Form des Antiamerikanismus die traditionellen Überlegenheitsgefühle auf vergrößerter Machtbasis weiter auszuleben. Ihr Bekenntnis zu Europa ist vor allem ein Bekenntnis zur Führungsmacht Deutschland. Damit dies nicht zu offensichtlich ist, wird jeder, der die EU als deutsches Herrschaftsprojekt bezeichnet, von den Grünen gemaßregelt.

Am Kapitalismus haben die Grünen wie ihre Vorläufer nur Auswüchse zu kritisieren. Wer aber Konzerne zum „Übel“ des Kapitalismus erklärt und gleichzeitig kapitalistisches Handeln im Mittelstand fördert, verhält sich wie jene, die Doping als „Übel“ des Spitzensports anprangern. Doch nicht das „schmutzige“ Doping ist das Problem, sondern der „edle“ Wettstreit  im Spitzensport. Wer Rekorde, übermenschliche Leistungen fordert, zwingt die Athleten zur optimalen Ernährung. Viele leistungssteigernde Wirkstoffe sind in gewöhnlichen Lebensmitteln enthalten. Die Nahrungsauswahl und ihre wirkungssteigernde Kombination wurde daher seit Jahrtausenden zum Dopen genutzt. Später erfolgte die Anreicherung natürlicher Nahrung mit den effektivsten Wirkstoffen, bis es möglich wurde, Wirkstoffe isoliert zu produzieren und pur einzunehmen. Jeder Freizeitsportler nutzt Energiedrinks, die in der Natur nicht vorkommen, um völlig unnatürliche und unnütze Körperleistungen zu vollbringen. Man mag diese Form des Dopings „milde“ nennen, doch die Übergänge zum „harten“ Doping sind fließend. Wie es also scheinheilig ist, das Doping anstelle der Rekordsucht zu bekämpfen, ist es nur scheinbar links, die Großkonzerne, die „Multis“ zu verdammen, ohne den Kapitalismus auch nur in Frage zu stellen, handelt es sich doch bei den beklagten Auswüchsen nur um Konsequenzen. Einen netten, gar grünen Kapitalismus gibt es nicht.

Auch die grüne Friedenspolitik ist bloßer Schein. Vehement weigern sich die Grünen, Blut für Öl zu riskieren, solange die Geschäfte mit dem Öl andere machen. Geht es aber um hehre, doch vage Werte wie „Menschlichkeit“, scheuen sich auch Grüne nicht, militärische Gewalt gutzuheißen. Wenn dadurch wie im Jugoslawienkrieg ökonomische Vorteile für Deutschland herausspringen, ist dies eine gewiss ungewollte Begleiterscheinung. Das propagierte Ziel grüner Außenpolitik ist der Frieden – als fauler Kompromiss aus Feigheit. Geht es jedoch um Werte, können auch Grüne fuchsteufelswild werden und zuschlagen lassen. So ehrlich, so überzeugt wie sie hatte noch niemand in Deutschland die völkische Forderung vertreten: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Noch nerven sie nur auf Umwelt- und Krisenkonferenzen, doch für das Gute, Wahre, Schöne werden sie auch in Kriege ziehen.

Ein wichtiges Mittel rechter Politik ist das Schüren von Angst, denn Angst macht Menschen gefügig. Angst schützt vor Aufklärung. Durch Angst erst werden Menschen brav zu Hause, im Betrieb und in der Natur. Die Angst vor den Folgen der Umweltzerstörung verführte Millionen Menschen zu oft sinnlosen, privatistischen, in jedem Fall unpolitischen Tätigkeiten wie Mülltrennung, Krötenschutz oder Biotopenbau. Solch Aktivismus vermittelt das Gefühl aktiven Eingreifens und lenkt doch nur ab von einer radikalen Kritik der Verhältnisse. Zum Schüren der Angst bedienen sich die Grünen pseudolinker Vorurteile, die – vielleicht mit Ausnahme von Herrn Trittin – unbewusst manipulativ verwendet werden. So heißt es noch im aktuellen Wahlprogramm der Grünen: „Atomkraft ist nicht zu verantworten, weil ein Unfall wie in Tschernobyl nicht sicher ausgeschlossen werden kann.“ Der Supergau von Tschernobyl habe 50 – 100 000 Menschen das Leben gekostet, hatten die Grünen unter Berufung auf Organisationen wie „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ so lange behauptet, bis es fast alle glaubten. Eine Katastrophe solchen Ausmaßes hätte zu Recht die Kosten-Nutzen-Rechnung der Atomenergie auf eine völlig neue Grundlage gestellt. Tatsächlich gelang es den Grünen, worauf sie besonders stolz sind, mit dem Verweis auf die unzähligen Toten von Tschernobyl die Atomkraft für Jahrzehnte zu diskreditieren. Allerdings waren die Zahlen falsch von Anfang an, wie Wissenschaftler jetzt im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation, der Internationalen Atomenergie-Organisation und sechs weiterer UN-Organisationen 19 Jahre nach dem Unglück feststellten. Demnach sind als direkte Folge der Katastrophe 59 Menschen gestorben. Weitere 3940 Menschen könnten nach Berechnungen der Wissenschaftler noch an den Spätfolgen sterben.

Selbstverständlich wären auch 4000 Opfer des Schrottreaktors in Tschernobyl Anlass zu Trauer und Wut, Wut vor allem über Versäumnisse und Unfähigkeiten der sowjetischen Behörden, die einen Reaktor, wie er nirgendwo sonst auf der Welt hätte betrieben werden dürfen, nicht vom Netz nahmen.

Wer aber 59 verstorbene und 3940 mögliche Opfer eines Reaktorunfalls zum Anlass nimmt, die Unverantwortbarkeit von Atomkraft zu behaupten, sollte der Glaubwürdigkeit wegen auch andere Arbeitsbereiche untersuchen. Unverantwortbar wäre dann auch die Kohleförderung, die in den letzten 19 Jahren weitaus mehr Opfer (freilich nur Kumpel, nicht Speckgürtelbewohner) forderte, natürlich auch das vergleichsweise massenmörderische Fensterputzen. Allerdings geht es den Grünen weniger um die Atomkraft, als um ihre eigenen irrationalen Ängste, an denen ihre Mitmenschen teilhaben sollen. Unter allen möglichen Bedrohungen ist die Atomkraft die unheimlichste: Man sieht, hört und riecht sie nicht. Das macht sie ideal für Angstkampagnen.

Allein die Fremdenfreundlichkeit der Grünen scheint so gar nicht rechten Denkmustern zu entsprechen. Doch auch sie scheint mir irrational und entsprechend wankelmütig. Der oder die Fremde (richtiger: das Bild vom Fremden) ist für Grüne das Gegenmodell zum eigenen Mief und Muff. Ihr Fremdenbild ist sehr romantisch. Sie können sich vorstellen, mit Fremden zu wohnen, essen, tanzen, sie sogar zu heiraten. Tun sie es auch, schwindet oft sehr rasch die Begeisterung. Partnerschaften mit Fremden sind selten von Dauer, und mancher Szenebezirk wurde zum Ghetto, weil auch die grünen Bewohner sich inzwischen eine ruhigere, geordnetere Nachbarschaft gesucht haben.

Wie ihre Großväter, die die russische Seele so sehr liebten und doch Millionen Russen umbrachten, werden auch die Grünen ihre Fremdenfreundlichkeit verlieren, wenn die Erfahrung das Bild vom Fremden als frommen Wunsch entlarvt. In kindischer Ichbezogenheit projizieren die Grünen ihr Selbstverständnis auf die Fremden, deren reizvolle Andersartigkeit nicht als gründlich andere Haltung begriffen wird. Für viele Fremde sind die Grünen nur nützliche Idioten. Merken sie erst die Verachtung, werden sie wie enttäuschte Liebhaber dem Hass verfallen.

Die Grünen sind der Keim einer neuen Rechten, weil ihre Vorstellung von Zukunft nur die harmonisierte Gegenwart ist. Das macht sie geistig, ökonomisch und technologisch impotent, aber alles andere als harmlos. Und wer meint, all die hier aufgeführten Charakteristika rechter Weltanschauung träfen doch nicht nur auf die Grünen, sondern auf sehr viele Deutsche zu, liegt nicht falsch. Das lässt die Grünen doch so attraktiv erscheinen: Wer sie wählt, dünkt sich fortschrittlich und kann zugleich guten Gewissens den Rechten seine Stimme geben.

pawek@web.de © 2005 Karl Pawek a

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