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Vorsicht
15.01.05  Die Spendenbereitschaft der Deutschen für die Opfer der Flutkatastrophe ist beeindruckend. Obwohl die Bundesregierung im Namen und auf Kosten der deutschen Bevölkerung bereits 500 Millionen Euro abgeboten hat, scheinen die Bundesbürger die gleiche Summe noch einmal aufbringen zu wollen. Schon bat eine Hilfsorganisation, kein weiteres zweckgebundenes Geld mehr zu spenden, weil sie keine Möglichkeit sieht, es sinnvoll auszugeben.
Über die Großzügigkeit der Bundesregierung darf sich niemand wundern. Wenn sich eine Regierung, die sich um das Elend in der Welt für gewöhnlich nur so weit kümmert, dass ihr Geiz nicht internationales Aufsehen erregt, plötzlich sehr spendabel wird, hat das seine Gründe: Im gar nicht edlen Wettstreit mit den USA will Deutschland Punkte machen nach dem Motto, was Uncle Sam kann, kann Onkel Max allemal. Deutschland will sich Verbündete kaufen z. B. für den angestrebten Sitz im UN-Sicherheitsrat. Allerdings ist es fraglich, ob dies allein mittels PR-Millionen gelingen wird. Denn die Menschen in Asien, auch ihre Regierungen, sahen sehr wohl, wessen Flugzeugträger längst im Katastrophengebiet ankerte, als man sich beim deutschen Versorgungsschiff noch mühte, es einsatztauglich zu machen. Und da die Menschen in Asien nicht deutsches Fernsehen gucken oder deutsche Zeitungen lesen, erfuhren sie auch nicht, wie skandalös langsam die us-amerikanischen Hilfsaktionen angelaufen sein sollen.
Nachdenklicher als die von der Bundesregierung erzwungene Spendenfreudigkeit der Deutschen macht ihre freiwillige. Gewiss haben die Medien mit ihren Sondersendungen und Benefizshows viel dazu beigetragen. Auch der Ort des Geschehens spielte eine Rolle. Niemand träumt von einem Urlaub in Ruanda, im Kongo oder im Sudan, was dort passiert, geht einem folglich nicht viel an. Aber fast jeder kennt und hat beneidet einen, der – aus welchen Motiven auch immer – nach Thailand gereist war, und viele standen kurz davor, selbst in dieses Urlauberparadies zu fliegen, sobald sie es sich nur würden leisten können. Das machte die meisten Bundesbürger zu Betroffenen, und nichts ist in diesem Land ist so aufrührend wie die Betroffenheit.
Aber auch die Betroffenheit erklärt noch nicht vollständig, warum Menschen, deren Sparwut, Schnäppchensucht, Geizgeilheit die Binnenkonjunktur ernsthaft gefährden, sich derart großzügig erweisen gegenüber medial präsenten Fremden im Elend. Ich vermute, dass die viel belächelte deutsche Schnäppchenmentalität immer noch weniger der Not als einem sportlichen Ehrgeiz entspringt. Die Deutschen kaufen wenig und von dem Wenigen für gewöhnlich nur das Billigste, tun dies aber nicht, weil ihnen das Geld fehlt, sondern weil sie nicht mehr viel wirklich brauchen. Abgesehen von Dingen, die ihnen wichtig sind wie das Auto, das Handy, das Klavier für den Sprössling u. ä., verführt sie nur das besonders günstig scheinende Angebot zu Ausgaben. Ihre Lust, irgendeine Ware unvergleichlich billig erstehen zu können, scheint dabei oft größer als die Lust auf die Ware selbst. Die Menschen sagen dann ganz richtig: „Da musste man einfach zugreifen.“ Und je entfremdeter wir Menschen leben, desto mehr suchen wir die Selbstverwirklichung in Ersatzhandlungen. Ob Schnäppchenjagd oder Spendenbereitschaft, beide schenken das letzte noch mögliche Empfinden selbstbestimmter Aktivität, die Selbstbefriedigung.

pawek@web.de © 2005 Karl Pawek a

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