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Vorsicht

16.02.06 Mit dem Alter wachsen die Ängste. Natürlich haben auch junge Menschen Angst, doch häufig hilft ihnen die Erfahrung, sie zu überwinden. Wer die ersten Gewitter, Einsamkeiten, Krankheiten, Prüfungen, Beziehungskrisen, Mutproben und so vieles mehr überstanden hat, fürchtet sich vor solchen Ereignissen nicht mehr, denn Angst entsteht vor allem aus Unwissen. Verstehen wir erst das zunächst Unverstandene, werden wir vertraut mit dem Unbekannten, bewältigen wir ungewohnte Herausforderungen und gewinnen daraus Selbstvertrauen, dann verweisen wir die Angst in ihre Schranken. Wer Glück hat und ausreichend naiv ist, kann so eine Zeit lang relativangstfrei leben.

Doch leider machen wir auch Erfahrungen des Scheiterns. Wenn es uns dann nicht gelingt, diese Situationen in ihrer Wiederholung zu meistern, werden sie Quellen der Angst. Daher ist es fast überlebensnotwendig, Misslungenes immer wieder neu zu versuchen. Wer darauf verzichtet, versinkt bald im Sumpf der Angst.

Dabei spielt das Alter eine grausame Rolle. Zum einen ist es geprägt von unvermeidbaren Misserfolgen, selbst erlebten oder berichteten. Je mehr Lebenserfahrung und –wissen jemand gewinnt, desto mehr Gefahren werden ihm bewusst, desto komplizierter, auswegsloser erscheinen die Verhältnisse. Dies kann mutlos, müde machen. Vor allem aber raubt das Alter Zukunft. Was ein junger Mensch heute nicht packt, kann er morgen oder übermorgen wieder versuchen oder etwas völlig Neues beginnen. Den Alten fehlt dafür irgendwann die Zeit. Und schlimmer noch, sie wissen, dass unweigerlich das Lebensende kommt. Wird ihnen erst bewusst, dass ihre Zukunft der Tod ist, stecken sie für gewöhnlich all ihre restliche Kraft in eine blödsinnige Vermeidungsstrategie. Eigentlich leben sie schon nicht mehr, sondern sind nur bemüht, ihren Abgang möglichst lange hinauszuzögern. Mit solcher Mentalität scheint jede Irritation, alles Unbewährte, jedes Risiko gefährlich. Das macht Alte, die einen schon mit 30, andere etwas später, zu schlechten Ratgebern. Weil sie sich selbst und die vertrauten Verhältnisse nur mehr konservieren wollen, werden sie konservativ in allen Bereichen. Da aber Konservatismus eine große Dummheit ist, weil das Leben, die Natur, die Materie sich permanent und unaufhaltsam verändern und daher, von ein paar auch nicht ganz gesicherten Naturgesetzen einmal abgesehen, was gestern galt, heute meist nicht mehr richtig ist, darf man Alten nicht vertrauen. (Da ich selbst schon 61 bin, erwäge ich freilich Ausnahmeregeln.)

Seit Jahren wächst in unserer Gesellschaft das Durchschnittsalter und damit die allgemeine Angst. Schon heute gibt es in Wirtschaft, Politik und Kultur keine Alternativen mehr. Bewahren, Risikovermeidung, ein feiges Arrangement sind die Maximen, die nicht nur von der wahren Altenpartei, den Grünen, propagiert werden. Und während der Betrieb noch läuft fast wie gewohnt, ist die deutsche Gesellschaft, ja fast ganz Europa dabei, sanft zu entschlafen. Nur mehr unsere Ruhe wollen wir haben.

Da ist es höchste Zeit, dass junge Menschen, die ihr Leben nicht als Hilfspfleger in einem riesigen, verfallenden Altenheim fristen wollen, dem Harmoniestreben, der Konfliktvermeidung, der Correctness etc. entsagen, sich aus faulen Denkschemata lösen und das Kostbarste, oft das Einzige, was sie noch besitzen, ihre Zukunft anpacken.

Hört also endlich auf, von Frieden, Menschenwürde, glücklichen Viechern zu faseln. Setzt aus mit der Selbstverwirklichung, solange Euer Selbst auf Konsum, Fun, Selbstmitleid und Sentimentalität reduziert ist! Sucht das Heil nicht bei den Pfaffen , sondern nutzt Euren Verstand und die Medien, um zu lernen, die Verhältnisse zu analysieren! Sucht nach den Wurzeln der Misere, werdet radikal! Kämpft für Aufklärung statt für eine heile Welt! Nur so kann es gelingen, Frieden und Menschenwürde zu gewinnen. Sind sie erst gesichert, könnt Ihr Euch immer noch um die Viecher kümmern. Das Wichtigste aber bleibt: Traut den Alten nicht, denn sie wollen nur, dass alles bleibt, wie es ist oder schlimmer noch, wie es in ihrer Jugend war.

pawek@web.de © 2006 Karl Pawek a

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