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Vorsicht
16.09.03 4,5 Millionen Packungen Arzneimittel werden täglich in Deutschland gekauft, davon rund 40% ohne Rezept. Jeder Bundesbürger, ob Kleinstkind oder Greis, schluckt demnach jeden Tag fast 4 Pillen (sofern er sie nicht hortet) und verhilft den Apotheken damit zu einem Jahresumsatz von über 30 Mrd. Euro. 16 – 25 000 Menschen sterben jährlich auf Grund unerwünschter Neben- oder Wechselwirkungen an ihrem Tablettenkonsum.
In jüngster Zeit kamen vor allem die Hormonpillen unter Verdacht. Viele Frauen zwischen 45 und 50 erleben das Klimakterium, das Ende ihrer Fruchtbarkeit, als irritierend, ja beschwerlich. Sie klagen über Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Depressionen und die „aufsteigende Hitze“. Keines dieser Symptome ist auch nur im entferntesten lebensgefährlich, und wir wissen nicht einmal, inwieweit sie durch die Psyche verstärkt oder gar hervorgerufen werden. Jedenfalls verläuft bei 60% aller Frauen die hormonelle Umstellung so unproblematisch, dass sie auf die Einnahme von Hormonpräparaten verzichten, zumal unabhängig von subjektiven Empfindungen das Klimakterium meist nicht länger als zwei Jahre dauert.
Trotzdem empfehlen die meisten Fachärzte Frauen eine Hormontherapie. Damit könne nicht nur dem Klimakterium jeder Schrecken genommen, sondern auch der Osteoporose (Knochenschwund) vorgebeugt werden. Letzteres setzt freilich voraus, dass die Hormonpillen bis ins hohe Alter,  in dem die Sturz- und Verletzungsgefahr noch zunimmt, eingenommen werden.
Nun aber, Jahrzehnte nach Einführung dieser weltweit jährlich 3,4 Milliarden Euro  Pharmaumsatz erwirtschaftenden Therapie, zeigen Untersuchungen, dass ihre Risiken den Nutzen weit überwiegen. Die Womens Health Initiative (WHI) hat 2002 in den USA sogar eine Studie abgebrochen, weil sie die weitere Abgabe des Hormonersatzes an die Teilnehmerinnen für unverantwortlich riskant hielt, nachdem sich Hinweise gehäuft hatten, dass Östrogen- und Gestagen-Präparate nicht nur die Entstehung von Brustkrebs fördern, sondern wegen erhöhter Thromboserisiken auch häufiger Schlaganfälle auslösen.
Während viele scheinheilige Mediziner von Anfang an vor den Thromboserisiken des „unmoralischen“ Hormonmedikaments Antibabypille gewarnt hatten, wiesen sie die Warnungen vor Arzneimittel zur Hormontherapie als unsinnig zurück. Die Zusammensetzung und Verabreichung der europäischen Hormonpillen sei nicht mit us-amerikanischen Verhältnissen vergleichbar. Inzwischen liegen freilich sehr umfangreiche europäische Studien vor, die das Ergebnis der WHI-Untersuchung bestätigen. Demnächst werden sich mehrere europäische Kontrollgremien mit der Frage beschäftigen müssen, ob die Hormontherapie eingeschränkt oder gar als Mittel gegen Klimakteriumsbeschwerden verboten werden soll.
Selbstverständlich sind Hormonpillen ein riesiges Geschäft, und manche Ärzte haben sie (wie viele andere Medikamente auch) im Interesse der Pharmaindustrie verschrieben und sich dafür belohnen lassen. Doch wäre es falsch, diesen fast schon üblichen Medizinskandal auf ökonomische Interessen zu reduzieren. Denn das Geschäft mit der Medizin blüht nur, weil es auf mentalen Voraussetzungen der Konsumenten aufbauen kann.
Zum einen gibt es immer mehr Menschen, die bei lästigen Symptomen sofortige Abhilfe wollen. Für sie ist der Pillenkonsum schon selbstverständlich. So ergab eine Untersuchung an 14-16jährigen Schülerinnen in einer niedersächsischen Kleinstadt, dass 22,4% von ihnen bereits täglich Medikamente zu sich nehmen. Sie handeln zumindest naiv. Dass Medikamente unerwünschte und manchmal gefährliche Nebenwirkungen haben, kann jeder wissen, der nicht nur BILDähnliche Zeitungen liest. Aber auch nur ein wenig Lebenserfahrung sollte ausreichen, um die Kosten der Bequemlichkeit ahnen zu können. Selbstverständlich sind Pillen auch für Leute mit Schnupfen eine angenehme Sache. Ein paar Antibiotika verkürzen das Kranksein, machen fit für den nächsten Termin oder die Grillparty am Wochenende. Dass der viel zu häufige Antibiotikakonsum immer häufiger Menschen an einst harmlosen Krankheiten sterben lässt und sogar Infektionen, die der Mensch früher nicht einmal bemerkte, weil sein Organismus das Problem aus eigener Kraft löste, heute tödliche Folgen haben können (z. B. Pilzinfektionen), ist zwar bekannt, wird aber zugunsten des Profits und der Bequemlichkeit verdrängt. Damit soll nicht der Naturheilkunde das Wort geredet werden, die sich allzu häufig das immerhin weniger ungesunde Nichts noch teurer bezahlen lässt. Hilfreicher wäre es, dem eigenen Körper zu vertrauen und ihm Gelegenheit zu geben, die meist harmlosen Gesundheitsprobleme selbst zu lösen. Das kostet manchmal zwar Schweiß und Zeit, bewahrt aber in der Regel vor schwerwiegenden Nebenwirkungen des Arzneimittelkonsums.
Zum anderen aber muss endlich die Medizin in Schranken verwiesen werden. Wenn die Befürworter der Hormontherapie argumentieren, der „sukzessive Ausfall der Geschlechtshormone im Alter (sei) krankhaft und damit behandlungsbedürftig“, mag dies eine sehr effektive Geschäftsidee sein und beruht doch nur wie die meisten Geschäftsideen auf Betrug. Denn das Altwerden ist keine Krankheit, sondern ein natürlicher Teil des Lebensprozesses. Gewiss sind reduzierte Körperfunktionen, „aufsteigende Hitze“ oder Potenzstörungen lästig, und wer will, soll sich aus eigenen Mitteln und auf eigenes Risiko ein Hinauszögern der Alterung erkaufen. Ein Arzt aber, der die Erscheinungsformen des Alterns zur Krankheit erklärt, zerstört nicht nur unser Sozialsystem, indem er ihm die finanzielle Grundlage entzieht, er raubt seinen Patienten auch die Würde. Wer Alter als Krankheit empfindet, stürzt sich in einen vergeblichen Überlebenskampf, liefert sich den Ärzten aus, macht sich abhängig. Vielleicht ermöglicht ihm das noch den einen oder anderen Fick (mit Liebe hat die viagragestützte Erektion nichts zu tun), vielleicht kann er noch zehn Jahre länger den Musikantenstadel oder Wagners „Ring“ sehen, sein auf Rädern aus einer Kantine gerolltes Süppchen schlürfen, wenn er nur brav die immer zahlreicher verschriebenen Pillen schluckt und gelegentlich auch an sich schnippeln lässt – möglichst unter Vollnarkose, denn sie macht den Patienten in vielen Fällen noch bescheidener. Aber enden wird er elendiger als jeder, der eines unverzögerten Todes stirbt.
Ärzte, die Alter eine Krankheit nennen, stellen den maßlosen und entsprechend dummen Anspruch auf ein möglichst ewiges Leben oder missbrauchen Menschen für medizinische Experimente. Solche Leute gehören in die Irrenanstalt oder in ein gewöhnliches Gefängnis, aber nicht auf einen Lehrstuhl.


pawek@web.de © 2003 Karl Pawek a

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