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Vorsicht
18.01.02 Je entfremdeter und daher unverstandener Politik gemanagt wird, desto größer ist das Bedürfnis der Bürger nach symbolischen Aktionen, nach einer symbolischen Politik, nach Politkitsch. Das zur Zeit beliebteste Instrument dafür ist die politische Korrektheit.  Ihr jüngstes Betätigungsfeld findet sie in der Gestaltung eines Denkmales zu Ehren der 343 Feuerwehrleute, die bei den Terroranschlägen am 1. September getötet wurden. Einig ist man sich über die Vorlage für die geplante Skulptur, ein Foto von drei Feuerwehrleuten, die auf Trümmerteilen des World Trade Centers eine amerikanische Flagge hissen. Vielleicht nicht ganz zufällig waren diese drei Feuerwehrleute Weiße.
Nun gab es unter den fast 29 Dutzend ums Leben gekommenen Feuerwehrmännern auch je ein Dutzend schwarze und spanischstämmige. Dies veranlasste jedoch die mit der Denkmalgestaltung beauftragten Künstler nicht, sich ein weniger patriotisches, mehr den Opfern würdiges Vorbild zu suchen, es brachte sie nur auf die grandiose Idee, je einen weißen, einen schwarzen und einen hispanischen Feuerwehrmann bei der Flaggenhissung zu zeigen.
Dies ist ebenso gut gemeint wie dumm. Die politische Korrektheit verfälscht nicht nur die fotografisch dokumentierte Wirklichkeit, sie suggeriert auch zukünftigen Betrachtern, im Amerika des Jahres 2001 hätte es keine Rassenkonflikte, nicht einmal Rassenschranken  gegeben. Das Symbol lügt also die Wirklichkeit um in ein Ideal, statt dazu beizutragen, das  Ideal Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn aber Kunst schon lügen soll, dann wäre größere Sorgfalt angebracht: Unter den Feuerwehrleuten waren auch Menschen indianischer und asiatischer, vielleicht sogar arabischer Abstammung. Und dass Frauen immer noch nicht bei der Feuerwehr arbeiten dürfen, ist doch politisch auch nicht korrekt? Würden die Herrn Künstler ihre politische Korrektheit wirklich ernst meinen, müssten sie sieben, besser 15 oder 32 Menschen um die Flagge versammeln und würden doch immer noch einigen Unrecht antun.
Korrektheit an sich ist schon peinlich, weil anpasslerisch, schleimig, devot. Ein bisschen Korrektheit aber macht den Politkitsch zur simplen Idiotie.
pawek@web.de © 2002 Karl Pawek a

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