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Vorsicht

18.05.06 Jakob Augstein, Gesellschafter und somit Mitverleger des Spiegels, erklärte kürzlich in einem FAZ-Interview: „Ich persönlich bin der Auffassung, dass man über die politische Ausrichtung des Blattes in der Tat sprechen kann. Und dass ich selber es manchmal gerne etwas mehr in der Richtung hätte, die man früher „links“ genannt hat, ist auch kein Geheimnis.“

Wahrscheinlich muss man ein wenig älter sein, um die Bedeutung dieser durchaus zustimmungsfähigen Aussage zu begreifen. Alle Verleger großer Publikumszeitschriften im 20. Jahrhundert waren sich einig im Bestreben, „linke“, d. h. dem Anzeigengeschäft abträgliche Tendenzen in ihren Blättern zu verhindern. Denn damals gab es noch ein paar Journalisten, die sich mehr der Wahrheit als ihrem Verleger verpflichtet fühlten, und da die Wahrheit immer „links“ ist, suchten sie aufzuklären bis zur Schmerzgrenze der Verleger. Manche waren sogar bereit, der Wahrhaftigkeit wegen auf eine Karriere zu verzichten. Bemerkte ein Verleger subversive „linke“ Tendenzen in seinem Blatt, sorgte er für die Ruhigstellung, nötigenfalls Entfernung solch Unbotmäßiger. Nicht zuletzt dafür erhielten fast alle Großverleger das Bundesverdienstkreuz.

Wenn nun heute ein Verleger sich von seiner Reaktion, die zusammen mit den übrigen Verlagsangestellten zudem noch die Mehrheit am Spiegelverlag hält, eine stärkere Linksorientierung wünscht, wirft dies ein grelles Licht auf den deutschen Journalismus. Viele gesellschaftliche Entwicklungen vollziehend sich schleichend und werden daher kaum bemerkt. Erst in der Konfrontation mit der Vergangenheit lässt sich die Veränderung erkennen. Ein Verleger, der progressiver ist als seine Redaktion: Einen klareren Beweis für die Verderbtheit des deutschen Journalismus 2006 lässt sich kaum finden.

pawek@web.de © 2006 Karl Pawek a

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