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Vorsicht

18.09.05 Die Hurrikankatastrophe in den USA war Labsal für alle Antiamerikaner. Die Umweltschützer unter ihnen machten die amerikanische Regierung für das Unwetter verantwortlich, weil sie noch immer nicht das Kyoto-Protokoll unterschrieben hat. Selbstgerechte Fürsorger verwiesen auf die schreckliche Armut in den USA, die während des Unwetters zu Not, Elend und Gewalt führte. Neueste Zahlen des Amtes für Bevölkerungsstatistik in Washington belegen den behaupteten Skandal: 2004 lebten in den USA 37 Millionen Menschen in Armut, unter ihnen 13 Millionen unter 18 Jahren. Eine Armutsquote von 12,7 %, gar 17,8 % für Jugendliche, ist eine Schande.

Bevor sich aber deutsche Politiker und Journalisten über amerikanische Verhältnisse empören, sollten sie einen Blick in den letzten Armutsbericht der Bundesregierung werfen. Die Kriterien für Armut sind ähnlich denen in den USA. In Deutschland gilt als arm, wer im Jahr netto weniger als 11256 Euro Einkommen hat. In den USA liegt die Armutsschwelle für eine Familie mit zwei Kindern bei einem Jahreseinkommen von 19307 $.

Unter diesen Kriterien betrachtet beträgt die Armutsquote in Deutschland 13,5% und ist damit um 0,8 % höher als in den USA. Doch bedürfen die deutschen Zahlen noch einer ergänzenden Bewertung. Wenn es auch stimmt, dass viele Deutsche arm sind, sind doch die aus fremden Ländern stammenden Mitbürger noch sehr viel häufiger arm. Unter Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund leben hierzulande 24 % in Armut oder, wie es neusprachlich heißt, unter der Armutsrisikogrenze. Nun beträgt der Ausländeranteil unter der deutschen Bevölkerung rund 10 %, davon stammen 1/3 aus der EU und anderen hochindustrialisierten Staaten. Die deutsche Armutsstatistik wird demnach von gut 6 % meist gering verdienenden Ausländern belastet.

Dass Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund auch in den USA noch häufiger arm sind als weiße Amerikaner, versteht sich auch ohne detaillierte Zahlen aus der Anschauung. Allerdings beträgt in den USA der Anteil von Menschen afrikanischer und lateinamerikanischer Herkunft an der Gesamtbevölkerung 26 %. Entsprechend größer ist der Anteil sehr armer Menschen, der in die Gesamtstatistik einfließt. Würden in Deutschland nicht nur 6,3 %, sondern 26 % der Menschen einen sogenannten Migrationshintergrund besitzen, läge die deutsche Armutsquote nicht nur 0,8 %, sondern mehr als 1 % über der Armutsquote der USA. Sozialpolitische Ermahnungen gegenüber den USA sind daher unangebracht, es gibt Schande genug im eigenen Land, deren Ursachen beseitigt werden müssen.

pawek@web.de © 2005 Karl Pawek a

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