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Vorsicht
20.01.02 Jahr für Jahr das gleiche Spiel: Je näher Tarifverhandlungen rücken, desto vehementer fordern Unternehmer und ihr Lakaien in Politik und Wissenschaft „moderate“ Lohnabschlüsse. Damit gefährden sie unsere Zukunft. 
Im Jahr 2000 betrug das durchschnittliche Nettoeinkommen eines deutschen Haushaltes DM 60.700 und lag damit um 21 Prozent höher als 10 Jahre zuvor. Allerdings betrug die Teuerungsrate in diesem Zeitraum 22 Prozent, so dass unterm Strich ein deutscher Haushalt dank „moderater“ Lohnsteigerungen sich 2000 um einen Prozentpunkt weniger leisten konnte als 1990.
Freilich muss man differenzieren: Hinter dem Durchschnitt werden auch die Einkommen von Sozialhilfeempfänger-Haushalten versteckt (DM 26.100) und verbergen sich die Nettoeinkommen von selbstständigen Haushalten (173.000). Letztere stiegen übrigens im Beobachtungszeitraum um 23% und damit um einen Prozentpunkt mehr als die Teuerungsrate. Während also Arbeiterhaushalte (56.400 DM) sich im Jahre 2000 für rund 1000 DM weniger Waren und Dienstleistungen kaufen konnten als 1990, standen inflationsbereinigt Selbstständigen-Haushalten DM 1700 mehr Anlagekapital zur Verfügung.
Noch besser verdienten die Unternehmen: Ihre Nettogewinne (nach Steuern) stiegen zwischen 1994 und 1999 (neuere Zahlen wurden noch nicht veröffentlicht) jährlich um 7%. Auch hierbei lohnt sich eine Differenzierung des Durchschnittswertes. Während Einzelunternehmer, also all jene, die sich in die selbstausbeuterische Scheinselbstständigkeit haben verführen lassen, ihr Jahresergebnis in 5 Jahren nur um 10,5% steigern konnten und Personengesellschaften gerade einmal ein Plus von 12,5% erreichten, konnten Kapitalgesellschaften ihr Jahresergebnis vor allem auf Grund des rigorosen Arbeitsplatzabbaus und „moderater“ Lohnabschlüsse fast verdoppeln. Weil also die Umverteilung in der deutschen Gesellschaft unter allen Koalitionen noch bestens funktioniert, verarmt die große Mehrheit der Bevölkerung. Ihr Konsum sinkt und lässt die Binnenwirtschaft schwächeln.
Die betriebswirtschaftlich wenig bedeutsame Politik „moderater“ Lohnabschlüsse ist wirtschaftspolitisch kontraproduktiv. Personalkosten spielen, wie die Bundesbank jüngst mitteilte, eine geringe Rolle in den Unternehmensbilanzen: Der Anteil der Personalaufwendungen an der Gesamtleistung aller Unternehmen lag 1999 bei 18,4% . Das bedeutet, eine 5%ige Lohnerhöhung erhöht den  Gesamtaufwand der Unternehmen lediglich um knapp einen Prozentpunkt. Lohnsteigerungen deutlich über der Inflationsrate aber würden zum größten Teil in den Wirtschaftskreislauf fließen, Umsätze und Steuereinnahmen nachhaltig steigern, ohne die Umsatzrendite der Unternehmen beträchtlich zu schmälern.
Doch Gier macht auch Kapitalisten blöd. Ihr Versuch, durch immer neue Einsparungen bei den Löhnen die Profite weiter zu steigern, muss nicht nur binnenwirtschaftlich dazu führen, dass die Quelle des Profits, der private und gesellschaftliche Konsum, versiegt. Dies wiederum könnte uns Nichtkapitalisten gleichgültig sein, würde nicht das von gierigen Dummköpfen verursachte Elend uns als erste und am brutalsten treffen.
pawek@web.de © 2002 Karl Pawek a

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