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Vorsicht

20.09.06 Die Deutschen glauben wieder an Wunder. Nach einer Allensbachumfrage (FAZ v. 20.9.06, S. 5) bekunden quer durch alle Alters- und Bildungsstufen 56% der Bevölkerung ihre Wundergläubigkeit. Vor sechs Jahren waren es nur 29%.

Eine Ursache für den Wunderboom mag die zunehmende Gläubigkeit vieler Menschen spielen. So nahm die Zahl jener, die an die Kraft des Gebetes glauben, seit 1993 um 7 auf 46 % zu. Doch die Diskrepanz zwischen der Zunahme an Religions- und Wundergläubigkeit verlangt eine gründlichere Analyse.

Wer von Wundern spricht, denkt vor allem an Rettung aus höchster Not, plötzliche Heilung, also an Geschehnisse positiver Überraschung. Doch auch für Wunder gilt: Jedes Ding hat mindestens zwei Seiten. Wenn es ein Wunder ist, dass jemand einen schweren Verkehrsunfall unbeschadet überlebt, ist es nicht weniger wundersam, wenn sich jemand beim Stolpern das Genick bricht. Oft unerklärlich ist nicht nur das Gute, sondern auch das Schlechte. Die Tatsache, dass nur die gute Wendung Wunder genannt wird, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Unerklärlichkeit eines Vorfalls das eigentliche Phänomen ist. Wer also an Wunder glaubt, versteht auch böse Geschehnisse nicht, erlebt sein Leben als Abfolge von (seltenem) Glück und (häufigem) Pech.

Die Deutschen werden gläubiger und glauben sehr viel mehr an Wunder, weil sie ihre Verhältnisse immer weniger verstehen, sich hilflos fühlen. Politik und Medien haben eine Verblödung der Menschen verursacht, die – anders als beim üblichen Menschenrechtsgeschwätz – ein wirkliches Verbrechen gegen Menschen ist. Wenn nicht mehr ökonomische Interessen, sondern Sachzwänge, Geburtenzahlen, soziale, globale Verantwortung etc. als Prämissen einer demokratisch nur genannten Politik benannt werden, wenn nicht mehr Information und Aufklärung, sondern Einschaltzahlen die Medieninhalte bestimmen, wenn grünes Engagement die Analyse ersetzt, verdrängt das Schicksal alle Ursachen. Viele Deutsche verstehen die Welt nicht mehr. Daher suchen sie ihr Heil im Glauben, sei es an Wunder, sei es an die NPD.

pawek@web.de © 2006 Karl Pawek a

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