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Vorsicht
20.10.04 Unter Federführung des Grünen-Vorsitzenden Bütikofer, unterstützt von der Grünen-Vorsitzenden Roth und der Fraktionsvorsitzenden der Grünen Göring-Eckardt, fordern deutsche Parlamentarier „offene, transparente rechtsstaatliche Verfahren und die strikte Achtung des internationalen und auch in Russland geltenden Rechts der Unschuldsvermutung“ für den inhaftierten Multimilliardär Michail Chodorkowskij.
Da wüsste ich doch zu gerne, wie Herr Bütikofer und seine Partei die Unschuld eines Mannes vermuten können, wenn dieser seit dem Abschluss seines Studiums 1988 ein persönliches Vermögen von 15,2 Milliarden US-Dollar anhäufen konnte. So viel Geld lässt sich nicht mit ehrlicher Arbeit verdienen, nur durch Betrug. Grundlage für Chodorowskijs Reichtum war, dass er sich noch als Komsomolsekretär eine bis dahin staatliche Bank für den Bruchteil ihres Wertes aneignen konnte. Als stellvertretender Energieminister und Mitglied des Rats für Industriepolitik bei der russischen Regierung half er mit, die Privatisierung der größten Erdölunternehmen Russlands als Verschleuderung zu gestalten. Durch Währungsgewinne (Kauf russischer Produkte für billige Rubel, Verkauf ins Ausland für US-Dollar) und den Missbrauch von Staatskrediten, deren Jahreszinsen bei einer Inflation von 2500 % in den Jahren 1992 – 1994 gerade einmal 10 – 25 % betrugen, konnte er 1995/96 für lächerliche 159 Millionen US-Dollar 45 % des staatlichen Mineralölunternehmens Jukos kaufen.
Wie andere ehemalige „Kommunisten“ auch hat Ch. nichts anderes gemacht, als sich Dank exzellenter Beziehungen zur Führung des Landes Volksvermögen zum Schleuderpreis anzueignen. Wie die Russen dieses Verhalten einschätzen, ist mir gleichgültig. Weder bewundere ich Ch.s Schlauheit, noch bedaure ich seine angestrebte Enteignung. 15,2 Milliarden US-Dollar lassen sich in 16 Jahren nur mit Risiko anhäufen. Wandern sie irgendwann in andere Taschen, war ein anderer eben noch schlauer, noch risikofreudiger. Unverständlich aber ist mir, was die Grünen veranlasst hat, sich nicht etwa für die Millionen Verlierer der Entsozialisierung Russlands stark zu machen, sondern für das Wohlergehen des Herrn Ch.? Ahnten sie vielleicht, dass Ch.s Reichtum wie jeder Reichtum im Kapitalismus auf Betrug beruht und eine Verurteilung Ch.s einer Verurteilung kapitalistischer Methoden gleichkommt? Ist ihr Protest, einmal abgesehen von seiner Spitze gegen Schröder und Putin, der Versuch, ihre Läuterung vom jugendbewegten Antikapitalismus und Pseudokommunismus in diversen K-Gruppen noch einmal zu beweisen? Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen, da die Grünen ihren kleinbürgerlichen Konservativismus seit vielen Jahren offen zur Schau stellen. Oder bewundern die Erfinder des Dosenpfandes, der Windenergieeinspeisung, der Ökosteuer und ähnlich kostspieligen Firlefanzes schlicht die Fähigkeit des Herrn Ch., die Umverteilung von Volksvermögen noch rabiater und profitabler betrieben zu haben, als sie es für sich und ihr Klientel je vermochten?

pawek@web.de © 2004 Karl Pawek a

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