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Vorsicht
21.09.01 Internetnutzer gelten als intelligent, neugierig, flexibel. Immerhin setzt der Zugang zum Netz Computerkenntnisse sowie eine Lese- und Rechtschreibfähigkeit voraus, um eine Adresse korrekt anwählen und die Brauchbarkeit von Links einschätzen zu können. Die Intelligentesten unter jenen, die ins World Wide Web gelangten, interessieren sich sogar für Bücher und sind in der Lage, sie online zu bestellen. Wir haben also allen Grund zur Annahme, dass Amazon-Kunden zur Creme de la Creme der Internetgemeinde gehören und damit zur intellektuellen Elite des Volkes. Und was lesen Sie?
Auf Platz 6 der Amazon-Bestenliste in den USA, auf Platz 3 in England und auf Platz 7 in Deutschland stehen die Prophezeiungen des Nostradamus, eines Astrologen und Arztes aus dem 16. Jahrhundert, der in gereimten Vierzeilern den Lauf der Welt weissagte.
Das modernste, demokratischste Medium wird genutzt, um die abgestandensten irrationalen Inhalte zu suchen. Dass das Internet ein Tummelplatz für Verschwörungstheoretiker, für kommunikationsgeile Wichtigtuer ist, war bekannt. Man tut daher gut daran, eher einem Menschen über 30 als einer Information im Internet zu glauben. Erschreckend aber ist, dass völkisches Geraune, mystische Nebel, archaische Ängste eine digitale Transformation völlig unbeeinflusst überstehen.
Das Erschrecken beruht auf einer Überschätzung der Medien. Neue Medien bedeuten eben nicht neue Inhalte, sondern zunächst nur die effektivere, beeindruckendere Verbreitung des alten Sermons. Gewiss, das Sein bestimmt das Bewusstsein, aber dabei lässt es sich unendlich viel Zeit. Die Mobilität durch maschinenbetriebene Verkehrsmittel, die Informiertheit durch gedruckte Texte, die Teilnahme an entfernt stattfindenden Ereignissen durch Fernsehen, die grenzenlose zeitgleiche Kommunikation durch Telefon und Internet scheinen kaum Spuren in der Bewusstseinsbildung der Menschen zu hinterlassen. Wenn Urgroßvater Sagen erzählte, war dies nicht so schnell, laut und bunt wie das neueste Videospiel, doch die Inhalte haben sich nicht verändert. Sie blieben sich gleich wie das Hupfen beim Schuhplattler und beim Techno. Wer sich über den Musikantenstadel lustig macht und selbst MTV guckt, kommt sich moderner nur vor als er ist. Die Angst vor neuen Technologien unterscheidet sich nicht von der Angst unserer Vorfahren vor der Dampflokomotive, und keine wissenschaftliche Erkenntnis scheint den Glauben an etwas Jenseitiges überwinden zu können.
Der schreckliche Verdacht drängt sich auf, dass aller Fortschritt nur dazu dient, die Befindlichkeit des Einzelnen zu verbessern, dass wir unser Hirn nur haben, um individuelle Vorteile zu erlangen, damit wir z. B. nicht mehr zum Buchhändler gehen müssen, sondern uns den Nostradamus per Internet bestellen können.  
pawek@web.de © 2001 Karl Pawek a

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