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Vorsicht
21.11.01 Erinnern Sie noch die BSE-Krise vor einem Jahr, als jede Berührung mit Rindfleisch lebensgefährlich war? Metzger, die damals wie Aussätzige gemieden wurden, können froh sein, wenn sie ihren Laden nicht resigniert verschleudert oder mangels Interessenten einfach geschlossen haben, denn längst herrschen wieder normale Verhältnisse. Die meisten Menschen essen wieder Fleisch, als hätten sie nie dem Tod beinahe ins Auge geschaut. Fast lächerlich scheint nun die einstige Aufregung.
Auch von Milzbrandbriefen hört und sieht man nicht mehr so viel. Sogar die Post unbekannter Absender wird wieder geöffnet, und nicht jedes weiße Pulver löst automatisch gewaltige Polizei- und Feuerwehreinsätze aus. Aber nicht harmloser wird sein, was uns als nächstes erwartet. Wie immer auch diese Irritation aussehen mag, sie wird erneut den Wahnsinn hervorrufen.
Daran sind nicht allein die Medien schuld. Gewiss, deren reißerische Berichterstattung provoziert viele Ängste, schafft überhaupt erst jenes Ausmaß an Bedrohung, über die es dann auflagensteigernd zu berichten gilt. Als im terrorismusgefährdeten Rudolstadt (Al Quaida verfügt bestimmt auch über ostdeutsche Messtischblätter) ein verdächtiger Brief eintraf, war sein Inhalt von den Medien sehr viel schneller identifiziert als von den wissenschaftlichen Labors: Bacillus antrhacis. Per Hubschrauber wurde der Brief nach Berlin geflogen zum Robert-Koch-Institut, dessen Präsident ihn persönlich in Empfang nahm. Er tat dies ganz selbstverständlich im Straßenanzug. Solch legeren Umgang mit der tödlichen Gefahr wollten und durften die Medienhysteriker nicht akzeptieren. Sie veranlassten, dass die Übergabe adäquat inszeniert wurde: Ein Wissenschaftler im Superschutzanzug übernahm den hochgefährlichen Behälter mit dem, wie sich alsbald herausstellte, völlig harmlosen Inhalt noch einmal. 
Verrückt gemacht durch die Medien verloren auch Angestellte und Beamte des Öffentlichen Dienstes den letzten Rest ihres Verstandes. Statt aufgeregte Opfer zu beruhigen und die Briefe und Pakete wie Fundstücke zwar vorsichtig, doch angstfrei zu behandeln, veranlassten sie in rund 2000 Fällen sirenenbegleitete Sicherungen und aufwendige Tests. Während Rudolstadt noch unter den erwarteten Folgen des bioterroristischen Anschlages zitterte, wurde in der ebenfalls im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus stehenden Stadt Neumünster (hoch im Norden) Großalarm ausgelöst. Im Stadtgebiet waren 30 Pakete mit angerührtem Gips aufgetaucht. Als der Initiator des Happenings, das er anlässlich seines 30. Geburtstages veranstaltet hatte, von dem 10 000 DM teuren Feuerwehreinsatz hörte, meldete er sich sofort bei der Polizei, um sie von der Ungefährlichkeit des angerührten Gipses zu überzeugen – selbstverständlich vergeblich. Für DM 60 000 ließ das Land Schleswig-Holstein den Gips als Gips identifizieren. 
Man muss freilich blind, taub und dumm sein, um die Medien für die Verursacher der Massenhysterie zu halten. Wären sie es, müssten linke wie rechte Medien ähnlich wirksam sein. Mediale Aufklärung könnte dann Medienkonsumenten zu aufgeklärten, selbstbewussten, vor allem selbstbestimmten Menschen machen, wie mediale Ablenkung Menschen von ihren eigentlichen Interessen und Bedürfnissen ablenken kann. Doch nur letzteres funktioniert, und dies liegt gewiss nicht daran, dass z. B. die "Super-Illu" besser wäre als "konkret". Die Wirksamkeit der rechten, also fast der gesamten deutschen Presse liegt darin, dass ihre Macher die Befindlichkeit ihrer Konsumenten bedienen. BILD macht nicht dumm, sondern gibt sich nur so dumm, wie es seine Leser sind und unterlässt wohlweislich alles, was sie aus diesem Zustand befreien könnte, weil weder die Leser noch die Verlegerin dies wollen. Aber nicht einmal BILD kann vernünftige Menschen hysterisch machen.
Mediale Aufregung, mediale Massenhysterie entsteht nur, wenn sich das Volk danach sehnt. Wer selbstbestimmt lebt, wird BSE und Milzbrand beiläufig zur Kenntnis genommen, vielleicht auch Schutzmaßnahmen ergriffen haben, aber nicht von Angst gepeinigt gewesen sein. Für solche Menschen gibt es sehr viel Wichtigeres, Interessanteres, Lohnenderes als den Kitzel der grell ausgemalten Katastrophe. Die ungeheure Aufregung über BSE, Milzbrand, auch Aids setzt eine ebenso ungeheure Leere, Langeweile der Menschen voraus. Obwohl sie andauernd unterwegs sind, unentwegt über Handys kommunizieren, von Event zu Event eilen oder zappen, mit ihren Partnern, Kindern, Freunden immerzu Probleme haben, sich unter Stress setzen, passiert in ihren Leben offenbar nichts, das auch nur erzählenswert wäre. Sie haben keine Vergangenheit und daher auch keine Zukunft. Sie sind einfach da, aber das interessiert nur sie selbst. Wo sich nichts verändert, gieren die Menschen nach Abwechslung, und sei es, da Glück viel zu selten ist, nach der des Schreckens. Daher langweilen sie die Schreckensszenarien der Medien nicht, sondern sind ihnen teuer.
Wenn Sie also demnächst einen Brief mit dem warnenden Aufdruck GIFT erhalten sollten, laufen Sie nicht gleich wie ein süddeutscher Rentner zur Polizei. Öffnen Sie ruhig den Brief, wahrscheinlich enthält auch er nur das WerbeGESCHENK eines amerikanischen Pornohändlers. Und vergessen Sie nicht: Der vielleicht schönste Lohn für die mühsam durch Lernen und Erfahrung erreichbare Immunität gegenüber Massenhysterie ist, dass man immer etwas zum Lachen hat.
pawek@web.de © 2001 Karl Pawek a

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