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Vorsicht

22.04.07 Herr Oettinger hat sich nicht verplappert, als er seinen Vorgänger im Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten, den Parteigenossen und Marinerichter Filbinger, einen Gegner des Nationalsozialismus nannte. Mehrere Tage beharrte er auf der Richtigkeit seiner Feststellung, erst ein Machtwort der CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlerin Angela Merkel bewog ihn schließlich, seine Behauptung zu relativieren. Daraufhin hat sich die Empörung schnell gelegt, die Kritiker waren zufrieden und wandten sich anderen Nebenschauplätzen der Politik zu. Niemand scheint verstanden zu haben, was Herr Oettinger seinen Zuhörern und dem ganzen deutschen Volk mit der posthumen Reinwaschung eines aktenkundigen Nazis  anbot. Im milde stimmenden Rahmen einer Trauerrede hat er Herrn Filbinger, der noch in britischer Gefangenschaft Nazirecht sprach, der Deserteure noch 1945 zum Tode verurteilte, entnazifizieren wollen. Dabei ging es ihm nicht nur um Herrn Filbinger. War nämlich dieser NS-Richter kein Nazi, dann gab es außerhalb einer kleinen NS-Führungsclique überhaupt keine Nazis, dann war der ganze Nazispuk, wie uns schon unsere Eltern und Großeltern weismachen wollten,  ein Unterfangen weniger Extremisten. Zwar liegen zahlreiche Untersuchungen nicht nur von Goldhagen oder Aly vor, die ein Einverständnis der meisten Deutschen mit der Politik der Nationalsozialisten bis hin zur Judenverfolgung unwiderlegbar beweisen, aber wo ein Wille ist, glauben Leute wie Oettinger, ist auch ein Weg, die Geschichte zu revidieren und sei es nur durch gerne geglaubte Lügen. Indem Herr Oettinger Herrn Filbinger zum Nazigegner erklärte, wollte er auch das deutsche Volk von jeder Schuld am Naziterror freisprechen.

Als einziger hat diesen Dienst am Vaterland der CDU-Bundestagsabgeordnete Georg Brunnhuber, Landesgruppenvorsitzender der baden-württembergischen CDU-Fraktion, gewürdigt. Er nannte Oettingers Trauerrede eine „Meisterprüfung“, denn mit dieser Rede habe Oettinger „ein Tor aufgestoßen“. Mit seiner Formulierung bestätigt Brunnhuber, dass Oettinger wusste, was er tat, denn Tore stößt man für gewöhnlich nicht irrtümlich auf, schon gar nicht, wenn man selbst kein Narr ist, sondern, wie Brunnhuber seinem Parteifreund Oettinger bescheinigt, damit ein „Großer“ werden wird. Ein Tor ist immer Teil einer Grenze, wer es aufstößt, will sie überschreiten. Im Zusammenhang mit Oettingers Rede kann die Grenze nur die der Meinungsfreiheit sein. Fremde Mächte haben Deutschland jahrzehntelang gezwungen, ein Büßerhemd zu tragen, Schuld zu bekennen am schrecklichsten Massenmord der Menschheitsgeschichte. Wenn es nun gelänge, einen wie Filbinger nicht nur für unschuldig, sondern sogar zum Gegner des Nationalsozialismus zu erklären, wären die Deutschen allesamt unschuldig, nicht Täter, sondern Opfer, und bräuchten sich vor niemandem mehr zu schämen. Wenn man nun noch bedenkt, dass schon durch die Katzenklappe ein Strom von Antiamerikanismus und Antisemitismus nach draußen walsern konnte, muss einem das Aufstoßen des Tores Angst machen. Oettinger wurde wohl in Rücksicht auf das Ausland zurückgepfiffen, doch genügend andere stehen bereit, seine als Trauerrede getarnte Toraufstoßerei zu vollenden.

pawek@web.de © 2007 Karl Pawek a

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