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Vorsicht
23.09.03 Die Hofberichterstatter unter den deutschen Journalisten schwelgten nach der Bayernwahl in Superlativen. „Phänomenal“ nannten sie das Ergebnis für Edmund Stoiber und die CSU, „gigantisch“, „super“. Doch sieht man sich das Ergebnis etwas genauer an, ist „phänomenal“ nur die Dummheit der Journalisten.
Obwohl die Zahl der Stimmberechtigten in Bayern seit der Landtagswahl 1998 um 238087 zugenommen hat, wählten 2003 120506 Bürger weniger die CSU als vor fünf Jahren. Den „triumphalen“ Wahlsieg verdankt die CSU somit nur dem Rückgang der Wahlbeteiligung um 12,5 auf 57,3%. Analoges gilt für die SPD. Sie verlor 770519 Erststimmen. Noch liegen detaillierte Wahlanalysen nicht vor, aber aus Umfrageergebnissen wissen wir, dass die Wahlabstinenz unter potentiellen SPD-Wählern (Arbeiter, Arbeitslose) weit überdurchschnittlich groß war. Im Unterschied zu den potentiellen CSU-Wählern, mehrheitlich ältere Menschen, vor allem ältere Frauen, für die der Gang zum Wahllokal eine selbstverständliche und bei schönem Wetter sogar angenehme Abwechslung im wenig aufregenden Leben ist, ziehen potentielle SPD-Wähler bei Sonnenschein gerne einen Ausflug dem Gang zum Wahllokal vor. Dies gilt erst recht, wenn es für sie nichts zu wählen gibt. Der Sozialabbau durch die SPD hat inzwischen CDU/CSU-Vorstellungen eingeholt. Wenn aber bei einem Wahlsieg der Konservativen nichts Schrecklicheres droht als unter Führung von Sozialdemokraten, erübrigt sich tatsächlich der Gang ins Wahllokal. Geht man davon aus, dass nur drei Viertel der zusätzlichen Wahlverweigerer potentielle SPD-Wähler waren (724587), erklärt dies schon 94% der für die SPD weniger abgegebenen Stimmen.
Zu berücksichtigen ist zudem, dass sich immer mehr jüngere Menschen zwischen 18 und 30 Jahren einer Wahlbeteiligung verweigern. (Bei der Bundestagswahl 2002 lag ihr Wähleranteil rund 9% unter dem Bundesdurchschnitt.) Auch sie lähmt die Perspektivlosigkeit politischer Wahlen, wodurch die mehrheitlich konservativen Altwähler an Einfluss gewinnen.
Der „großartige“ Wahlsieg der CSU wie die „vernichtende“ Niederlage der SPD resultieren fast ausschließlich aus der starken Zunahme von Nichtwählern. Somit dokumentiert auch die Bayernwahl nur den Verfall der Demokratie in deutschen Landen. Um dies belegen zu können, bedarf es keines investigativen Journalismus, es würde reichen, wenn die Damen und Herren Hofberichterstatter Zahlenkolonnen lesen könnten, statt Siegerparolen nachzuplappern.


pawek@web.de © 2003 Karl Pawek a

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