- Home
- Magazin
- Archiv
- Galerie
- Links
Vorsicht

23.09.2008 Prof. Friedrich Thießen versteht die Welt nicht mehr. Zusammen mit Herrn Diplom-Kaufmann Christian Fischer hat er in der „Zeitschrift für Wirtschaftspolitik“ einen Aufsatz „Die Höhe der sozialen Mindestsicherung – Eine Neuberechnung bottom up“ veröffentlicht, in der die beiden „Wissenschaftler“ von der Freien Universität Chemnitz nachweisen, dass der Regelsatz von 351 Euro für Empfänger von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld II viel zu hoch sei. Ohne Wohn- und Heizkosten ließe sich das Existenzminimum schon mit 132 Euro im Monat sichern. 68 Euro monatlich oder 2,27 Euro täglich reichen nach der Berechnung des Herrn Professors für Lebensmittel aus, für 17 Euro im Monat kann man sich einkleiden, 23 Euro decken alle Fahrtkosten ab, 1 Euro pro Monat steht für die Teilnahme an Freizeitvergnügen, Unterhaltung und Kultur zur Verfügung, 2 Euro kostet die Kommunikation, für 7 Euro monatlich gibt es alle notwendigen Gebrauchsgegenstände zu kaufen und „Sonstiges“ veranschlagt der Herr Professor mit 0 Euro. Nur für Körperpflege und Reinigung gewährt er mit 14 Euro mehr, als der Regelsatz (13 Euro) zubilligt. Psychologen mögen daraus jene Rückschlüsse ziehen, die ich mir zwecks Vermeidung von Prozesskosten versage.

In einer Alternativrechnung berücksichtigen die Chemnitzer „Wissenschaftler“ auch einen Zigaretten- und Alkoholkonsum und den Einkauf in Kaufhäusern und Fachgeschäften statt beim Discounter. Sogar ein solches Luxusleben („Maximalfall“) ließe sich mit 287 Euro im Monat und damit weit sparsamer, als es der Regelsatz vorsieht, finanzieren.

Die Empörung, die sein Zahlenwerk hervorrief, kränkt Prof. Thießen. Er plädiere doch nicht für eine Herabsetzung des Regelsatzes, sondern habe nur untersuchen wollen, ob die immer wieder erhobenen Klagen vor Gerichten, der Regelsatz sei zu niedrig, gerechtfertigt seien. Beleidigt klagte er gegenüber der FAZ, dass man „eine solche Untersuchung offenbar nicht veröffentlichen kann“.

Es lohnt sich durchaus, diesen Herrn Prof. Thießen, der jeden Tag mehr verdient, als ein Sozialhilfeempfänger im Monat erhält, ein wenig näher kennen zu lernen. Seine Praxiserfahrungen machte er im Devisenhandel, bei internationalen Finanzierungen, im Corporate Controlling sowie in den Bereichen Mergers und Acquisitions bei Shell und Hoechst. Gesponsert von der Commerzbank und der Reuters AG gründete er den ersten Studiengang „Investment Banking“. Ganz up to date beeindruckt er uns Laien durch Anglizismen, die freilich manchmal ungewollt komisch wirken. Seine Neuberechnung der Höhe einer sozialen Mindestsicherung erfolgte, wie der Aufsatztitel schwadroniert, nach dem „bottom up“-Ansatz, also wörtlich übersetzt, „von unten nach oben“. Prof. Thießen wird damit gewiss nicht auf die Umverteilung anspielen wollen, die seine Berechnungen zur Folge haben können, vielleicht sogar sollen. Auch bezieht er sich wohl nicht auf die bottom-up-Methode zur Programmentwicklung in der Softwaretechnik. Näher liegt ihm wahrscheinlich ein bottom-up-Verständnis, wie es bei Investmentstrategien genutzt wird: Hierbei werden Unternehmen (abgewandelt: Sozialhilfeempfänger) isoliert von ihrem Umfeld und ihrer Bedeutung (abgewandelt: Gesellschaft und Menschenwürde) untersucht und bewertet. Doch als politisch korrekter Konservativer wird Prof. Thießen die allgemeinere wissenschaftsmethodische Erklärung des Begriffs vorziehen: Beim bottom-up-Verfahren werden analytisch einzelne Details betrachtet und bewertet, um dann durch Integration und Aufsummierung das Gesamtergebnis zu erhalten. Das macht zwar auch jeder Sozialhilfeempfänger, wenn er die Notwendigkeit einer Ausgabe überdenkt, die Kosten aufschreibt und zusammenzählt und feststellt, dass sie wieder einmal den Sozialhilfesatz übersteigen, nur fehlt ihm die Frechheit, seiner simplen Vorgehensweise durch eine bottom-up-Benennung  wissenschaftliche Bedeutung zu verleihen.

Prof. Thießen dagegen weiß, wie man Schaum schlagen muss, um bottom up zu kommen. Neben seiner vom Steuerzahler sehr gut bezahlten Professur erledigt er gegen Honorar fast alles, sei es ein Gutachten „Nutzung großer Flughäfen“, eine von der Deutschen Bundesbank bezahlte öffentliche Falschgeldschulung mit dem hübschen wissenschaftstheoretischen Titel „Nicht alles ist bare Münze“, die Aufgaben eines Jurymitglieds beim Postbank Finance Award (aktuelles Wettbewerbsthema „Chancen und Risiken von Hedge-Fonds“), Referate bei der Hanns Seidel Stiftung der CSU oder das Lehren von Investment Banking in Ulan-Bator (Mongolei). Doch damit nicht genug arbeitet Prof. Thießen auch noch als Aufsichtsrat z. B. bei der OFL-Anlagen Leasing oder bei der ADLATUS AG.

Dass viele und erst recht so nebenbeschäftigte „Wissenschaftler“ sehr häufig dummdreiste, ja menschenverachtende Aufsätze veröffentlichen, weiß jeder, der sich ein wenig in der Wissenschaftsgeschichte auskennt. Der Skandal liegt aber gar nicht so sehr im meist zeitgeistigen Geschwätz, sondern in seiner wissenschaftlichen Legitimierung, die noch der absurdesten Meinung die Weihen der Objektivität verleihen soll. Wenn BILD gegen Sozialhilfeempfänger hetzt, weiß jeder, der noch bei Verstand ist, was davon zu halten ist. Wenn aber ein deutscher Universitätsprofessor seine bottom-up-Neuberechnung über „Die Höhe der sozialen Mindestsicherung“ als Handreichung für Politiker und Richter in einer Fachzeitschrift veröffentlicht und dabei kundtut, dass der erbärmliche Regelsatz noch viel zu hoch sei, missbraucht er das Ansehen der Wissenschaft. Wer die Kosten des Menschseins nach den Kriterien der Schweine- oder Hühnerzucht berechnet (Futterkosten, Auslauf etc.), offenbart sich nicht nur als sozial verblödet, sondern denkt und handelt verantwortungslos. Brecht nannte solche „Wissenschaftler“ „ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können“. Prof. Thießen ist kein einsamer, nur ein vorlauter Zwerg. Meines Wissens hat sich kein Kollege vom Wissenschaftsmissbrauch dieses Herrn Professors distanziert.

pawek@web.de © 2008 Karl Pawek

- Home
- Magazin
- Archiv
- Galerie
- Links