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Vorsicht

24.05.07 Manchmal genügt Ausdauer, um mit einer einzigen simplen Idee berühmt und wohlhabend zu werden. Seit 1992 fotografiert der Amerikaner Spencer Tunick nackte Menschen auf öffentlichen Plätzen. Anfangs in New York begnügte er sich mit einzelnen Models, die nackt aus einem Versteck auf die Straße liefen und nach ein paar Aufnahmen sofort wieder verschwanden. Doch fünfmal war die Polizei schneller und verhaftete den Fotografen. Erst als Tunick seine Schmuddelfotos zur Kunst erklärte, indem er das Nacktposieren in der Öffentlichkeit „Installation“ nannte, wurde das Kunstgewerbe auf ihn aufmerksam. Als Künstler fand er die behördliche Unterstützung, seine Installationen mit Hunderten, später Tausenden nackten Menschen durchzuführen. Über seine Internetseite  kann sich jeder, bevorzugt jede auf der Welt unter Angabe des Wohnorts für künftige Installationen anmelden, vorausgesetzt, er oder sie ist mindestens 18 Jahre alt und kann die eigene Hautfarbe einem von sieben Farbmustern zuordnen.

Die bislang größte Tunick-Installation fand am 8. Mai 2007 auf dem Zocalo-Platz in Mexiko-Stadt statt. 46 000 Menschen, unter ihnen immerhin 5000 Frauen, waren bereit, ohne Honorar, nur für ein signiertes Foto an der Aktion teilzunehmen, 20 000 erschienen schließlich auf dem Platz und konnten sich mit geeigneten Dokumenten als volljährig ausweisen. 250 Polizisten sorgten für Ordnung und dafür, dass gemäß einer Vereinbarung mit Tunick auf keinem seiner Fotos die Staatsflagge oder die am Zocalo-Platz gelegene Kathedrale zu sehen ist.

Man mag von Tunicks Installationen halten, was man will. Ich z. B. finde sie ähnlich einfältig wie Christos Verhüllungen, allerdings ein wenig attraktiver. Doch ihre wirkliche Bedeutung liegt im gesellschaftlichen Bereich. Wenn in einem erzkatholischen Land wie Mexiko sich Zehntausende nackt in der Öffentlichkeit fotografieren lassen und dabei nicht einmal die Nähe zu nackten Fremden scheuen, ist mir dies ein hoffnungsvolles Zeichen menschlicher Emanzipation. Zugleich aber auch sind Tunicks Installationen der denkbar schärfste Widerspruch zur verlogenen Sexualmoral der Moslems und Inder, bei denen das Abbild einer weiblichen Brustwarze oder des Schattens eines Penis strafende, züchtigende Empörung auslöst.

Niemand muss zu einer Tunick-Aktion hingehen oder sich seine Fotos anschauen , wer jedoch Nacktheit nicht erträgt, leidet unter verblödenden Blockaden im Kopf, ob er nun in Mexiko, Mumbai, Mecklenburg oder Mekka lebt. Die bestenfalls gleichgültige Akzeptanz von Tunicks nackten Menschenmassen scheint mir ein brauchbarer Gradmesser menschlicher Entwicklung.

pawek@web.de © 2007 Karl Pawek a

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