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Vorsicht
24.11.04 Dass die Amerikaner spinnen, weiß in Deutschland fast jedes Kind. Eigenartig allerdings ist die Zuordnung der Behauptung. Was als Spinnerei verstanden wird, also die Wiederwahl des Präsidenten oder der Versuch, Diktatoren zu vertreiben und ihre ehemaligen Untertanen zu demokratisieren etc., ist so irrational nicht. Wo aber die Amerikaner tatsächlich spinnen, werden ihre Spinnereien hierzulande gerade von den vorlautesten Amerikakritikern kopiert.
So stört sich hierzulande kaum jemand an den rigorosen Rauchverboten in den USA oder an der Veröffentlichung der Adressen von Sexualstraftätern, die ihre Taten längst verbüßt haben. Geradezu begierig wurde die voluntaristische Spießeridee von einer political correctness aufgenommen. Und deutsche Gleichstellungsaktivisten träumen davon, amerikanische Verhältnisse auch in Deutschland einzuführen. Ein Beispiel zur Warnung:
Foto: Abercrombie & Fitch Die amerikanische Modehauskette Abercrombie & Fitch verkauft modische Kleidung an junge, strebsame oder bereits erfolgreiche Mittelstandskunden. Entsprechend „cool“ ist ihr Auftritt im Internet ( www.abercrombie.com ) und in Werbebroschüren. Auf Schwarzweißphotos präsentieren perfekt gestylte Models vor allem sich selbst, eingehüllt in Kleidungsstücke des Auftraggebers.
Mehreren tausend US-Bürgern gefiel das (auf Anraten von Anwälten) gar nicht. Abgesehen von dem üblichen Vorwurf, dass das Unternehmen weit weniger Frauen und Angehörige von Minderheiten beschäftigt als der Durchschnitt der Branche, fühlten sich die Klägerinnen und Kläger durch die Werbung diskriminiert. Die Models haben weder Fettpölsterchen noch Akne, sie schielen nicht und zeigen keine Behinderung, sondern entsprechen ausnahmslos perfekt dem Typ junger weißer Universitätsabsolventen/innen. Allein schon dadurch, so lautete die Anschuldigung, müssen sich Bewerber um eine Anstellung, die diesem Schönheitsideal nicht entsprechen, benachteiligt fühlen. Das Mittelmaß will Maßstab sein.
Kein Modehaus, kein Designer und keine internationale Modezeitschrift verkauft Mode durch Models, die aussehen wie Durchschnittskunden. Mode lebt vom Image, und das Image der Normalität ist nicht werbetauglich, weil es nicht einmal wahrgenommen wird. Und wer bereit ist, überdurchschnittlich viel Geld auszugeben für Kleidung, will nicht beraten werden von Menschen, die nach Budnikowski riechen und nach Neckermann aussehen. Denn er oder sie möchte nicht Kleidung kaufen, die es praktischer und billiger überall gibt, sondern Zugehörigkeit zur Welt der Schönen, Erfolgreichen. Faszinierend ist das Mögliche, wenn das Gewöhnliche das eigene Leben bestimmt.
Doch Abercrombie & Fitch ahnte wohl, dass solche Überlegungen Gleichstellungsaktivisten nicht überzeugen können und schloss einen Vergleich: Die Firma garantiert die Einstellung von 25 diversity recruiters, die gezielt Nicht-Weiße, Pummelige, Klein- und Großwüchsige etc. einstellen sollen, bestellt einen für Vielfalt zuständigen Vizepräsidenten und verspricht, in ihrer Werbung vermehrt Frauen und Angehörige von Minderheiten abzubilden. Vor allem aber übernimmt sie Anwaltskosten in Höhe von 7 Millionen Dollar und entschädigt die Klägerinnen und Kläger für ihre erlittene Frustration, nicht einem Schönheitsideal zu entsprechen, mit 40 Millionen Dollar.
Man muss wohl Gleichstellungsaktivist sein, um nicht zu merken, dass allein die Zahlung Zweck der Klagen war. Ein hart arbeitender Taschendieb wird von der Justiz bestraft, einem politisch korrekten Gauner verhilft sie zum Erfolg.

 
pawek@web.de © 2004 Karl Pawek a

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