- Home
- Magazin
- Archiv
- Galerie
- Links
Vorsicht
25.06.01 Glaubt man der CDU, droht Deutschland der Untergang, denn wieder einmal greifen die Kommunisten nach der Macht.
Vielleicht besteht tatsächlich die Möglichkeit, dass die PDS nach Neuwahlen in Berlin eine SPD-Grünen-Koalition unterstützen, sogar zwei Alibisenatorenposten wie Soziales oder Kultur besetzen darf. Aber was wäre daran so schlimm?
Die PDS ist vielleicht eine nationalistische, aber gewiss keine kommunistische Partei. Nichts in ihren immer zahmeren Programmen deutet auf radikale Phantasien hin. Jene wenigen Mitglieder dieser Partei, die immer noch Gesten der Unterwürfigkeit, der Entschuldigung für angebliches Unrecht verweigern, sind auch in der PDS isoliert. Und die Sozialdemokraten denken nicht im Entferntesten daran, durch eine Koalition mit der PDS sich selbst sozialistischen oder auch nur sozialdemokratischen Tendenzen zu öffnen. Für Schröder und Konsorten stellt die PDS keine politische, nur eine machttaktische Option dar, um mögliche Koalitionspartner untereinander ausspielen, disziplinieren zu können. Während Vertreter ausländischer Unternehmen und Regierungen ungefragt beteuern, dass sie eine Regierungsbeteiligung dieser Partei nicht schrecken und schon gar nicht von Investitionen abhalten würde, sehen Berliner Unternehmer, Handwerker und gewöhnliche Ickes die kommunistische Machtergreifung schon voraus.

Nun ist es ein probates Mittel, eine noch so schwache, noch so kleinbürgerliche Linke zu verteufeln, um das politische Koordinatensystem nach rechts verschieben zu können. Was heute in Deutschland Mitte genannt wird, also die Anhängerschaft von Schily bis Stoiber, muss im internationalen wie historischen Vergleich zur Rechten gezählt werden. Doch bei der Warnung vor der PDS geht es nicht nur um politisches Kalkül. Die Schlaumeier, glaube ich, haben tatsächlich Angst. Sie geben sich nicht nur hysterisch, sie sind es.
Wie der Antisemitismus ist auch der Antikommunismus wahnhaft. Beider Quelle sind Ängste und Verdrängungen, deren Ursachen auf andere projiziert werden. Wie man keinen Juden kennen darf, um wirklich Antisemit sein zu können, darf der Antikommunist nichts wirklich über den Kommunismus wissen, nichts über seine Geschichte, seine Ideen, seine Leistungen. Wenn 10 Jahre nach dem Untergang des europäischen Sozialismus jemand eine kommunistische Gefahr beschwört, müsste er eigentlich müdes Gelächter auslösen. Dass in Deutschland niemand über Kohl und seine Kumpaninnen lacht, beweist nur, dass sogar ihre unfreiwilligen Zuhörer Antikommunisten sind, obwohl es weit und breit keine Kommunisten mehr gibt.

Antisemitismus wie Antikommunismus haben Ablenkungsfunktion von den Mängeln und Gefahren der eigenen Gesellschaftsordnung. Da der Kapitalismus nun einmal brutal ist, braucht er jemanden, auf den er die Verantwortung für unschöne Begleiterscheinungen abwälzen kann. Solange es ungestraft möglich war, galten vor allem Juden als die Übeltäter. Nicht das Kapital, nur sein geringer Anteil im jüdischen Besitz wurde als Wurzel allen Elends dargestellt. Nach 1945 wäre diese weiterhin volkstümliche Verleumdung allerdings dem Export gar zu schlecht bekommen. Daher trat an Stelle der jüdischen die kommunistische Bedrohung, in deren Licht Unzulänglichkeiten in der eigenen Gesellschaft harmlos erscheinen sollten. Zugleich versperrte die antikommunistische Propaganda den gefährlichen Blick auf soziale Errungenschaften des Sozialismus. 
Vor allem in kapitalistischen Krisensituationen bedarf es der völkischen Solidarität. Zwar ist mit dem Zusammenbruch des Sozialismus auch seine sozialpolitische Provokation fast verschwunden und der Lebensstandard in den meisten ehemals sozialistischen Staaten auf kapitalistisches Dritte-Welt-Niveau gesunken. Aber noch immer sind Juden tabu, die Milosevics` nicht programmfüllend und die USA, der künftige Gegner, zu mächtig. Also müssen die ideologischen Nebenwerfer zwecks Vertuschung der kapitalistischen Unmenschlichkeit nach innen wirken. Dabei dient die PDS, so harmlos sie auch sein mag, mangels Alternativen (auch gewöhnliche Ausländerfeindlichkeit schadet dem Export) als Aggressionsobjekt.
Irrational ist also nicht der Umgang mit der PDS (und einst mit den Juden), da er der Stabilisierung der Binnenverhältnisse dient. Irrational ist die ideologische Basis, von der aus der für die Herrschenden durchaus nützliche Kampf geführt wird. Aber gerade dies macht die Sache so gefährlich. Wenn Verrückte systemadäquat handeln, ist fast alles möglich. Hexen, Juden, Kommunisten und viele andere Andersgläubige haben und werden es schmerzhaft am eigenen Leib erfahren.
pawek@web.de © 2001 Karl Pawek a


- Home
- Magazin
- Archiv
- Galerie
- Links