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Vorsicht

25.06.07 Als die Welt noch zweigeteilt war in einen kapitalistischen und einen sozialistischen Block, hatte Entwicklungshilfe Sinn. Aber schon damals ging es nicht wirklich um eine Unterstützung der Bevölkerung, um eine Überwindung von Hunger und Krankheiten, Grund für ihre Gewährung war vielmehr, sich die Vasallentreue der herrschenden Cliquen zu sichern. Der Begriff „Entwicklungshilfe“ diente nur als Umschreibung für „Bestechung“.

Aufgewachsen geworden in diesem Klima der Käuflichkeit halten bis heute viele Politiker in den Entwicklungsländern Hilfe für eine persönliche Zuwendung. Während ihre Völker darben, transferieren die Herrschenden immer noch Milliarden auf Auslandskonten.

Ein weiterer Zweck der Entwicklungshilfe war und ist die Exportförderung der Geberstaaten aus Steuermitteln. So kauften 2005 Entwicklungsländer für 911 Millionen Euro deutsche Rüstungsgüter, ein noch größerer Teil der empfangenen Entwicklungsgelder floss zurück an die deutsche Automobil-, Chemie-, Bau- und Maschinenbauindustrie. Und wenn ein Land wie China, das Atombomben und Weltraumraketen baut und sich mit Milliardenbeträgen in Afrika einkauft, deutsche Entwicklungshilfe erhält, nützt dies allein dem deutschen Export. Mit Entwicklungshilfe wurden und werden Absatzmärkte für die Geberländer erschlossen.

Ein weiterer rationaler Grund für Entwicklungshilfe war und ist die Entwicklungshilfe selbst. Allein in Mali sind zur Zeit 33 nationale, 22 multilaterale und fast 100 private Hilfsorganisationen tätig. Ein solche Heerschar muss organisiert, geleitet, evaluiert und kontrolliert werden. In ganz Afrika, so schätzen Fachleute, leisten gegenwärtig ca. 40 000 Entsandte Entwicklungshilfe. Hinzu kommen ca. 20 000 Mitarbeiter in Ministerien und Behörden der Geberländer, der EU und UN. Wie jeder Behördenapparat ist auch die Entwicklungshilfeindustrie bemüht, ihre Bedeutung, ihren Einflussbereich, vor allem ihren Etat zu steigern. Folglich passiert nicht selten, was jeder Behördenmitarbeiter kennt: Der Etat muss bis zu einem festgesetzten Zeitpunkt aufgebraucht sein, egal wofür. Denn, wie ein EU-Repräsentant in Nigeria bekannte: „Wenn ich das Geld nicht ausgebe, kriege ich ein Problem.“ (FAZ v. 6.6.2007, S. 6) Der kenianische Wirtschaftswissenschaftler James Shikwati vermutet gar, die Entwicklungshilfeindustrie habe kein Interesse, afrikanische Problemlösungen zu fördern, denn letztlich lebe sie von den afrikanischen Problemen.

Doch auch unter veränderten Bedingungen bliebe Entwicklungshilfe als Almosen problematisch. Wer jemals in Entwicklungsländern unterwegs war, musste sich für oder gegen Mildtätigkeit entscheiden. Den meisten Menschen fällt es sehr schwer, verzweifelten Kranken, armseligen Krüppeln, hungernden Kindern ein paar Münzen zu verweigern, auch wenn deren Gewicht dem Besucher sehr viel größer scheint als ihr Wert und er sie gerne los würde.

Abgesehen davon, dass mitgeschleppte Säcke nicht reichen würden, allen Bedürftigen etwas zu geben, hilft Mildtätigkeit nur denen, die das Elend zu verantworten haben. Die Bettelnden dagegen schnürt sie nur fester in das Korsett der Ohnmacht. Solange jemand seinen erbärmlichen Unterhalt durch Betteln bestreiten kann, kümmern ihn die Bedingungen seines Elends wenig. Statt aufzubegehren gegen die Profiteure der Ungerechtigkeit, der Menschenverachtung, biedert sich der Bettler dem Wohlhabenden an. Verachtung darf er nicht einmal fühlen, will er nicht die wenigen Münzen riskieren. Stolz kann sich kein Bettler leisten.

Vor allem die Glaubensführer aller Konfessionen wussten und wissen die Mildtätigkeit zu nutzen – nicht nur für sich selbst. Spenden ist eine feine Sache. Dem Spender schenkt sie ein besseres Gewissen, dem Spendenverwalter gewährt sie Verteilungsmacht und den Empfänger stellt sie ruhig. Die von allen Religionen geforderte Mildtätigkeit hat vor allem die Funktion, bestehende Herrschaftsverhältnisse nach innen wie außen abzusichern.

Die Alternative zur Mildtätigkeit ist nahezu unbekannt in der spätkapitalistischen Gesellschaft und heißt Solidarität. Wer solidarisch ist, gibt keine Almosen, sondern versucht, den Armen, Kranken, Unterdrückten zu helfen, die Ursachen ihres Elends zu überwinden. Das ist mehr als nur Hilfe zur Selbsthilfe, wie sie die modernisierte Entwicklungshilfe propagiert. Sie ist nicht weniger patriarchalisch als der Almosentrick, gibt sie doch vor zu wissen, was für den Hilfsbedürftigen gut ist, z. B. ein Solarkühlschrank oder ein Kurbelcomputer. Solidarität dagegen setzt die Kenntnis und Akzeptanz von Möglichkeiten, Bedürfnissen, Notwendigkeiten fremder, weil einem anderen Kulturkreis angehörender Mensch voraus. Solidarität mit Bauern in Entwicklungsländern besteht nicht darin, ihnen einen Brunnen zu bauen. Das könnten sie selbst, wenn sie ihn brauchen würden. Oder ihnen Motoren zu liefern, die sie nicht selbst warten können. Solidarisch  ist vielmehr, wer die Landwirtschaftssubventionen in den entwickelten Ländern bekämpft, denn deren bezuschusste Überproduktion macht Landwirtschaft in Entwicklungsländern fast sinnlos. Es lässt sich nicht beschönigen: Solidarität ist längst nicht so attraktiv und billig wie die Spenderei, aber im Unterschied zur profitablen Almosenverteilung belässt sie dem Empfänger seine Würde. Solidarität ist die politische Form der Menschlichkeit.

Für Bono und Konsorten mit ihrem „Gitarre zupfen für die Afrikaner“ (Bartholomäus Grill) ist Solidarität nur ein Fremdwort, von unseren Politikern aber sollten wir verlangen, dass sie ihr Kastendenken überwinden. Einfach ein paar Milliarden Dollar mehr, die sie nicht aus eigener Tasche zahlen müssen, zur Verfügung zu stellen und damit die Erwartungen ihrer blöd gehaltenen Wähler zu befriedigen, ist nicht Politik, sondern Public Relation, die ein Vermögen kostet. Afrikanische Intellektuelle wie der nigerianische Literaturnobelpreisträger Woyle Soyinka, der kenianische Wirtschaftswissenschaftler James Shikwati oder der ugandische Journalist Andrew M. Mwenda erkennen in den Hilfekampagnen für Afrika Rassismus und fordern ein Ende der Entwicklungshilfe, wie sie bislang praktiziert wird. Im Unterschied zu Bono und Konsorten wurden sie nicht von den Staatschefs auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm empfangen. Schließlich will man sich nicht des Glanzes der Fürsorge berauben lassen, zumal die afrikanischen Kritiker dieser Politik Schwarze sind. Und was verstehen Schwarzafrikaner schon von Politik, gar Wirtschaftspolitik, nicht wahr?

Die praktizierte Entwicklungshilfe ist Imperialismus im Schafspelz

pawek@web.de © 2007 Karl Pawek a

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