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Vorsicht
26.10.04 Wer einen Politiker verächtlich machen will, muss ihn nur einen Populisten nennen. In den meisten Fällen ähneln sich allerdings Verächter und Verachtete in ihrem Schwachsinn.
Der Begriff Populismus stammt aus dem Französischen und war der Name einer literarischen Bewegung um 1930, die in Romanen anstelle des üblichen bürgerlichen Milieus das Leben des einfachen Volkes schildern wollte. Erst das deutsche Bildungsbürgertum machte aus der Gattungsbezeichnung ein Schimpfwort. So definiert der Duden heute Populismus als „opportunistische Politik, die die Gunst der Massen zu gewinnen sucht“.
Die Masse ist dem Bildungsbürger ein Gräuel. In Anlehnung an konservative bis reaktionäre Vordenker wie LeBon, Ortega y Gasset oder Gehlen erkannte der Brockhaus schon 1955 in der Masse eine „ungegliederte, unpersönliche Vielzahl von Menschen, die im Unterschied zur Gruppe, vor allem zur Gemeinschaft, kein Ordnungsgesetz in sich trägt ... Psychologisch wichtig ist, dass beim Menschen in der Masse die ‚Primitivperson’ angesprochen wird, Antriebe des Unterbewusstseins enthemmt werden.“
Die Masse, gemeint war selbstverständlich die Arbeiterklasse, galt und gilt als schlecht, minderwertig wie die Massenkultur, allein die guten Geschäfte, sie sich mit ihr machen ließen, verdrängten allmählich die diffamierende Bezeichnung. Keiner spricht bezüglich BILD oder RTL oder MTV von Massenmedien, obwohl ihre Inhalte sich unverändert an den Bedürfnissen von „Primitivpersonen“ orientieren. Dennoch gilt, wenn auch verklausuliert, noch immer: Erst ab der Mittelschicht mit ihrer „Hoch“kultur wächst aus der Masse der Mensch.
Daher schimpft niemand die Grünen populistisch, obwohl ihre Politik zwar ebenfalls opportunistisch ist, doch nicht die Gunst der Massen, sondern die der guten Menschen (Lehrer-, Pastorenkinder etc.) zu gewinnen sucht.
Ganz offensichtlich ist also der Begriff „Populismus“ antidemokratisch und damit reaktionär. Denn wer dem Volk nach dem Maul redet, ist ein Volksvertreter, er spricht aus und fordert, was seine potentiellen Wähler denken und wünschen. Wer von ihm verächtlich redet, ist nur zu feige, die Wähler des Geschmähten, die man schließlich selbst gerne für sich gewinnen würde, als „Primitivpersonen“ zu charakterisieren.
Auch wenn das Volk zu einem Teil aus Idioten besteht, weil es medial dazu gemacht wurde, und manche Politiker die Beschränktheit ihrer potentiellen Wähler nutzen, um Wahlerfolge zu erzielen, hat der Begriff „Populismus“ in einer modernen Demokratie nichts zu suchen. Er dient nur dazu, die eigene Unfähigkeit zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit massenhaft verbreiteten Vorurteilen zu verschleiern. Denn in den meisten Fällen unterscheidet sich der ehrbare Demokrat vom „Populisten“ nur dadurch, dass er die gleichen Inhalte nur weniger plump verkündet. Ob er z. B. für die Rechte der Palästinenser eintritt oder gleich die Juden beschimpft, ist unterschiedlich nur in der Argumentationsweise, nicht aber in dem der Argumentation zugrunde liegenden Antisemitismus.

  pawek@web.de © 2004 Karl Pawek a

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