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Vorsicht

29.03.06 Dass unsere Medien nicht der Aufklärung dienen, liegt an ihrer Struktur. Als kapitalistische Unternehmen unterliegen die den Gesetzen des Kapitalismus, steuern über den Quotenwettbewerb sogar ihre öffentlich-rechtliche Konkurrenz. Solange es sich um das Wetter, Verkehrsunfälle oder Verbrechen handelt, sind ihre Inhalte manchmal sogar objektiv. Bei Problemen der Politik oder Wirtschaft aber stiften sie meist nur Verwirrung, lenken ab, stellen ruhig. Was die großen Zeitungen und Fernsehanstalten über die Notwendigkeit von Arbeitszeitverlängerung, Lohnverzicht, Abbau des Kündigungsschutzes etc. zwecks Abbau der Arbeitslosigkeit verkünden, ist purer Unsinn, üble Manipulation. Dennoch gelingt es ihnen, die profitorientierte Meinung der wenigen Herrschenden zur herrschenden Meinung der Mehrheit zu machen, weil die Medienkonsumenten auf Grund der medialen Manipulation Zusammenhänge nicht erkennen, geschweige denn verstehen. Aber noch die schlauste Manipulation transportiert ungewollt Partikel der Wirklichkeit. Jeder Text, jedes Bild enthält unabhängig von den Absichten seines Produzenten objektive Informationen, die sich allerdings häufig nur genauem kombinatorischen Lesen / Betrachten erschließen. Man muss nur „zwischen den Zeilen lesen“, Bilddetails aus eigener Erfahrung interpretieren können. Vor allem der von Schöngeistern meist überschlagene Wirtschaftsteil der Zeitungen enthält oft mehr relevante Informationen als der ganze Rest. Und diese Informationen werden nicht einmal versteckt, verschleiert, sondern offen präsentiert, und jeder könnte, läse er sie nur, richtige Schlüsse daraus ziehen, die das Geschwätz der Wirtschaftsjournalisten und –politiker als Auftragsarbeit entlarven.

Schauen Sie sich doch einmal die „RWE in Zahlen“ (FAZ v. 24.2.06, S. 14) an. Der Energiekonzern konnte 2005 sein Nettoergebnis um 4,4% auf 2231 Millionen Euro steigern. Das Ergebnis je Aktie wuchs um 4,5 %, die Dividende um 16,7 %. Da der Konzernumsatz 2005 leicht sank, resultiert der beeindruckende Gewinn vor allem aus der Reduzierung der Mitarbeiterzahl um 12,1 %.Entlassungen bzw. der Verzicht auf Neubesetzung frei gewordener Arbeitsplätze sind, wie ein Blick in die Bilanzen fast aller deutschen Unternehmen zeigt, die Ursache des gegenwärtigen Aktienbooms. Während der Staat immer mehr Schulden anhäuft, um fünf Millionen Arbeitslosen immer weniger Unterstützung zahlen zu können, während der Binnenmarkt mangels Kaufkraft stagniert, verdienen die Unternehmen prächtig an der Reduzierung der Arbeitskosten durch Arbeitsplatzabbau. Obwohl die Aktienindizes seit einem Jahr um 34 % (DAX), 38 % (TecDAX) oder 48 % (MDAX) stiegen, blieb das Kurs-Gewinn-Verhältnis fast gleich. Der Wertzuwachs der Aktien entspricht ziemlich genau der Steigerung der Unternehmensgewinne. Die deutsche Wirtschaft verdient glänzend, weil sie die sozialen Folgekosten der Profitgier auf die Gesellschaft, vor allem auf die große Mehrheit der Nichtaktionäre abwälzen kann. Dies so weit wie möglich auszureizen ist der einzige Zweck von Arbeitszeitverlängerung und Lohnkürzung.

All dies und vieles mehr steht durchaus in den Zeitungen, sogar Fernsehsendungen nennen gelegentlich relevante Zahlen. Um den Betrieb der Deutschland AG am Laufen zu halten, müssen die Medien auch objektiv richtige Informationen verbreiten. Die Manipulation findet hauptsächlich in der Interpretation statt. Doch jede Medienschelte ist nicht nur unsinnig, weil die Medien nur Ausdruck unserer gesellschaftlichen Verfasstheit sind. Sie ist auch unbegründet, denn für Menschen, die selbstständig denken können, sind die kapitalistischen Medien eine unerschöpfliche Fundgrube, denn auch sie spiegeln die Ambivalenz des Kapitalismus: Chance und Verderbnis.

pawek@web.de © 2006 Karl Pawek a

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