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Vorsicht
29.09.03 Woran sterben die Menschen? Zur Zeit scheint Rauchen die Todesursache Nr. 1 in Deutschland zu sein. Je nach Radikalität sprechen die Tabakgegner von 40, 100 oder 140 000 Todesfällen jährlich, die auf das Rauchen zurückzuführen seien. Doch wird ihnen der Spitzenplatz von anderen Fraktionen im Gesundheitswesen strittig gemacht. Todesursache Nr. 1 sei Bluthochdruck, meinen die einen, andere sehen im Herzinfarkt die häufigste Todesursache, wiederum andere im Brustkrebs oder in der Fettleibigkeit oder in der Diabetes. Gar nicht so albern ist die Behauptung, Verkalkung verursache die meisten Todesfälle, wogegen die Todesursache „Zins“ (www.klarerblick.de) wenig zu überzeugen vermag. Nachdenklicher schon macht der provokante Buchtitel „Die Todesursache Nr. 1 in Deutschland heißt Arzt“.
Nun könnte man über den unsinnigen Wettstreit der Gesundheitsapostel und Pharmalobbyisten lächeln, würden sie nicht ihre Statistiken als ideologische Keulen missbrauchen. Vor allem den Raucherfeinden scheint es weniger um die Gesundheit von Rauchern zu gehen als um Prohibition. Dabei nennen sie, ähnlich wie das Statistische Bundesamt anlässlich des Weltnichtrauchertages am 31. Mai 2003,  Todesraten, die durchaus zutreffend sind. Tatsächlich starben 2001 in Deutschland 38 525 Menschen an Lungenkrebs, 1 484 an Kehlkopfkrebs und 44 an Luftröhrenkrebs. Nicht bekannt jedoch ist, wie viele der Toten zu Lebzeiten geraucht haben. Zwar weist das Bundesamt darauf hin, dass diese Menschen an Erkrankungen gestorben sind, „die in Zusammenhang mit dem Konsum von Tabakprodukten gebracht werden können“, doch verliert sich diese Einschränkung in der medialen Vermittlung. Übrig bleibt eine richtige Zahl beklagenswerter Todesfälle, die allerdings fälschlich allein dem Tabakkonsum zugeschrieben werden.
Und bekanntlich findet, wer sucht. Ein Professor Ulrich John glaubt sogar 300 Krankheiten ausgemacht zu haben, an deren Entstehung das Rauchen beteiligt sei. Zählt man nun alle durch diese Krankheiten verursachten Todesfälle zusammen, erreicht man schnell jene Wahnsinnszahlen von 100 000 oder 140 000, die das Rauchen als Massenselbstmord diffamieren.
Selbstverständlich lassen sich solche Horrorzahlen unter statistischen wie medizinischen Aspekten relativieren. So gibt es Länder wie Japan, in denen mehr geraucht wird als in Deutschland und dennoch weniger Lungenkrebstote zu beklagen sind. Auch bekommt fast jede Gesundheitsstatistik eine völlig andere Aussage, wenn man zwischen reichen und armen Zahlenlieferanten unterscheidet. (Mehr dazu bei www.geschichte-des-rauchens.de und bei www.pawek.de im Archiv unter „Zucker“.) Wer sich freilich auf die Ebene der Statistik begibt, wird in ihrem Sumpf versinken. Das Problem Todesursache jedenfalls lässt sich rein statistisch nicht lösen.
Wie alle Lebewesen sterben auch wir Menschen im Normalfall eines natürlichen Todes an Verschleißerscheinungen. Je älter wir werden, um so weniger ist unser Körper in der Lage, Gefahren durch Bakterien, Verletzungen, Ablagerungen, Viren etc. abzuwehren oder zumindest zu regulieren. Was ein gesunder Dreißigjähriger einfach „wegsteckt“, kann einem relativ gesunden Siebzigjährigen zum Verhängnis werden. Wer also mit 68,9 Jahren, dem Durchschnittsalter aller Lungenkrebstoten, nicht an dieser Krankheit stirbt, erleidet vielleicht mit 69,2 Jahren einen tödlichen Schlaganfall oder Herzinfarkt. Da Obduktionen in Deutschland sehr selten vorgenommen werden, wissen wir bei vielen Toten nicht einmal genau, an welchem Versagen sie nun wirklich gestorben sind. Oft spielen auch mehrere Faktoren eine Rolle, die nur in der Kombination eine tödliche Wirkung zeigen. Monokausalitäten wie „Rauchen tötet“ sind daher blanker Unsinn. Und was die Totenscheine als Todesursache benennen, wird häufig mehr durch zeitgeistige Wahrscheinlichkeit als durch Gewissheit bestimmt.
Natürlich ist Rauchen nicht gesundheitsfördernd. Doch gilt dies auch für den Verzehr von Rübenzucker und Alkohol, Fetten und Eiweißstoffen, für den Konsum der meisten Tabletten, die Wirkung von Nikotinpflastern, für das Einatmen der Luft in Städten. Weltweit sterben zur Zeit jährlich 4,4 Millionen Menschen an Infektionen der Atemwege, 4 Millionen von ihnen bereits im Kindesalter, in dem Rauchen schon aus ökonomischen Gründen keine große Rolle spielt. Und eine Studie der Weltgesundheitsorganisation prophezeit, dass im Jahre 2020 falsche Ernährung als Ursache für chronische Krankheiten für drei Viertel aller Todesfälle verantwortlich sein wird. Selbstverständlich könnte man nicht nur Zigaretten, sondern auch jede Schokoladenpackung, jede Bierdose und Weinflasche, Schweinebraten und Schinkenpackungen, Joggingpfade und Auspuffrohre usw. mit Todeswarnungen versehen, bis verunsicherte Bürger in keimfreien Räumen sich nur mehr von Zwieback und destilliertem Wasser ernähren. Sterben werden sie trotzdem, eher früher als später. Denn je mehr man forscht und zählt und interpretiert, desto einsichtiger wird die Erkenntnis, dass das Leben selbst gefährlich ist und in jedem Fall tödlich endet.
Nur grenzenlose Dummheit ermöglicht es, vermeintlich gesund zu leben, bis sie - wie fast jede Dummheit - bitter bestraft wird durch nicht weniger grenzenlose Enttäuschung. Intelligenter ist eine Risikoabwägung. Da Leben sehr viel mehr ist als nur Überleben, sollten Menschen wissen, was ihnen ein Hamburger oder eine Gänsestopfleber, Urlaub im trauten Heim oder in weiter Ferne, eine Schokoladentorte oder ein Zigarillo wert sind, und sich nach ihren Bedürfnissen entscheiden. Mir jedenfalls ist es völlig gleichgültig, ob eine letzte Zigarette oder eine letzte Auster oder eine letzte Umarmung oder eine letzte Diskussion mein Sterben auslöst, und ob dies heute, morgen oder übermorgen geschieht. Und natürlich käme ich nie auf die peinliche Idee, einen Tabakkonzern oder einen Zuckerbäcker wegen Gefährdung meiner Gesundheit zu verklagen. Ich weiß, was ich tue, und tue es gern. Ob ich damit mein statistisch errechenbares Durchschnittsalter erreiche, spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Wie überhaupt Statistiken völlig sinnlos sind, wenn es um die Geheimnisse des Lebens geht. Denn wichtig ist nicht so sehr die Frage, woran ein Mensch stirbt, sondern wie er lebt, z. B. im Gesundheitsstress oder im Glück der Freude.


pawek@web.de © 2003 Karl Pawek a

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