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Vorsicht
30.03.04 Geiz mag geil sein, doch guter Rat ist bekanntlich teuer. Und da die Deutschen aus Angst vor der Zukunft immer geiziger werden und sparen – allein 2003 146 Milliarden Euro -, hilft alles Schönreden und Gesundbeten nichts: Der ersehnte Wirtschaftsaufschwung wird ausbleiben.
Denn Angst und Risikoscheu beherrschen zur Zeit deutsches Denken und Fühlen. Zwar teilen die Deutschen ihre Ängste vor Atomen, Genen, Klimaänderungen, vor politischer und natürlicher Gewalt mit vielen Nachbarn, doch übertrifft ihre Emphase für Schutz, Bewahren und Vorsorge jedes andernorts beobachtbare Maß.
Hierzulande schaffen schon Irritationen Aufregung. Jede Verletzung der Geborgenheit schreit nach einem Großeinsatz der Rettungskräfte. Unfälle, die anderswo zwei Polizisten, einen Krankenwagen und den Abschleppdienst auf den Plan rufen, alarmieren in Deutschland häufig Polizei- und Rettungshubschrauber, Feuerwehren und Notärzte, Polizeikolonnen. Kleinstdemonstrationen werden von Hunderten Polizisten, gar Bundesgrenzschützern bewacht, in den Seitenstraßen lauern meist vergebkich ein halbes Dutzend Wasserwerfer. Weit entfernt auftretende Seuchen stellen eine tödliche Gefahr sogar für Stubenhocker dar, jedes nur erdenkliche Risiko muss, koste es, was es wolle, vermieden, besser ausgeschlossen werden. Vor allem aber der Besitzstand, das zugegeben sehr ungleichmäßig verteilte Nettogeldvermögen von 2,12 Billionen Euro, darf nicht angetastet werden. Gewaltig war die Aufregung, als das beliebte Ärztehopping durch eine vierteljährliche Praxisgebühr von 10 Euro reduziert werden sollte.
Selbstverständlich sind das alles Symptome einer Wohlstandsgesellschaft, für die Notdurft schon Not bedeutet. Vergleichbare Ängstlichkeiten finden sich daher auch in den westlichen Nachbarländern, doch nirgendwo ist die Empfindlichkeit auch nur annähernd so total. Natürlich gibt es auch in Italien oder Frankreich Tierschutzgruppen, doch mindestens die Hälfte aller Italiener scheut sich nicht, Singvögel zu essen, und fast alle Franzosen halten Stopfleber für eine Delikatesse. Und vielleicht sind sogar mehr Spanier als Deutsche gegen den Irakkrieg auf die Straßen gegangen, aber zumindest der eine oder andere Demonstrationszug wird an einer Stierkampfarena vorbeigeführt haben. Während andere tun, was ihnen nützlich, geboten oder vorteilhaft erscheint, handeln die Deutschen aus Überzeugung. Sie leisten sich nicht nur Mülltrennung, Dosenpfand oder Windräder, sie glauben solchen Unsinn auch noch.
Freilich darf man ihre völkische Empfindlichkeit und Umweltfürsorge nicht mit einem besonders hoch entwickelten Zivilisationsstand verwechseln, schon gar nicht mit Empfindsamkeit. Die zahlreichen Toten an Deutschlands Ostgrenze, erschlagene Obdachlose, misshandelte Asylanten rühren das deutsche Gemüt kaum. Nur die Bedrohung des eigenen Wohlergehens, die Gefährdung ihrer spießigen Gemütsruhe erschüttert die Menschen. In den 70er Jahren, als ein atomarer Weltkrieg denkbar war, erklärten westdeutsche Häuselbesitzer ihre Vorgärten und Gemeinden zu atomwaffenfreien Zonen, damit das Böse sie verschone. Dass heute iranische Mullahs Atombomben entwickeln lassen, stört sie nicht, weil sie sich nicht vorstellen mögen, dass diese Waffen auch ihnen gelten könnten.
Die jeden Größenwahn lähmenden deutschen Ängste wären ein Segen, hätten sie nicht fatale ökonomische Folgen. Denn wer Angst hat, spart sich ins Elend. Angst vor Krisen, einer ungewissen Zukunft, lässt die Sparkonten anschwellen und den Konsum austrocknen. Man spart nämlich nicht, um sich eines Tages etwas leisten zu können, sondern nur noch zur Sicherheit. Daher hat sich das wenig produktive Nettogeldvermögen in Deutschland seit 1991 fast verdoppelt.
Genial blöde Werbesprüche wie „Geiz ist geil“ sind keine Zufallsprodukte. Da Angst und Geiz Geschwister sind, lässt sich in angstvollen Zeiten nur mehr das Billigste verkaufen, Waren also, die zu vergleichbaren Preisen in Deutschland nicht hergestellt werden können. Da das Preisdumping Lohndumping nach sich zieht wie der Konsumverzicht den Produktionsrückgang, entspringt der Angst eine Verelendungsspirale, auf der die deutsche Volkswirtschaft, kaum noch gebremst durch Exporterlöse, in die Tiefe rutscht.
Spätestens seit der letzten Weltwirtschaftskrise sollten sogar Wirtschaftswissenschaftler begriffen haben, dass die Ökonomie vor allem eine Glaubenssache ist und eher psychologisch als materiell erklärt werden kann. Während einer Wirtschaftskrise ändert sich weder die Menge der zur Verfügung stehenden Rohstoffe, noch die Zahl der Arbeitskräfte und Produktionsmittel und Konsumenten, allein die Zuversicht und der nicht weniger fiktive Geldwert schwächeln.
Alle Lohndrückerei durch Arbeitszeitverlängerung und Billigstjobs, alle Umverteilung privater in öffentliche Notgroschen, alle Selbstausbeutung durch Ich-AGs, alle Umbenennung von Arbeitsämtern, alle Agenden und Steuerreformen werden die deutsche Wirtschaftsmisere nicht stoppen können. Sie sind so kontraproduktiv wie die nächste Mehrwertsteuererhöhung. Allein ein Mentalitätswandel, der Mut und Risikobereitschaft und Zuversicht ermöglicht, kann den Aufschwung bringen. Gelingt dieser Wandel nicht, bleibt – wie schon so oft in der Geschichte – ein Krieg als Alternative.

 
pawek@web.de © 2004 Karl Pawek a

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