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Vorsicht
30. 11 .00 Kaum haben die Niederlande als erster EU-Staat die schon vorher praktizierte Sterbehilfe (1999 ca. 3200 Fälle, ca. 9000 Ablehnungen) legalisiert, melden auch deutsche Kirchen, Lebensschützer, Behindertenfunktionäre und Hospiz-Mitarbeiter Protest, ja Widerstand an. Eine gesetzlich erlaubte Sterbehilfe ersetze Fürsorge durch Totschlag, sei eine staatliche Lizenz zum Töten, der Staat dürfe sich nicht zum Herrscher über Leben und Tod machen, so oder ähnlich lauten die immer wiederholten Anschuldigungen.

Die Vorwürfe scheinen absurd. Weder das niederländische Gesetz noch irgendein bekannt gewordener vergleichbarer Gesetzentwurf gibt einem Staat oder Ärzten das Recht, einen Menschen gegen seinen Willen zu töten. Im Gegenteil, indem Staaten Selbsttötung und Sterbehilfe verbieten, maßen sie sich die Herrschaft über Leben und Tod an, entmündigen sie ihre Bürger. Als Übergangslösung und um die verständlichen Befürchtungen Behinderter zu zerstreuen, ist es richtig, den freiwillig und mehrfach geäußerten Wunsch nach Sterbehilfe zur ausnahmslosen Voraussetzung der Ausführung zu machen. Dies erzwingt für einige Unfallopfer und Schwerstbehinderte ein elendes Leben, ist aber noch die einzige Garantie dafür, dass Sterbehilfe nicht durch private, gesellschaftliche und staatliche Nützlichkeitserwägungen missbraucht werden kann.

Doch rational ist der Widerstand gar nicht zu erklären. Wer aus welchen Gründen auch immer nicht mehr leben will, braucht nicht Fürsorge, sondern Hilfe. Gewiss kann man Menschen im Endstadium einer Krankheit die Schmerzen lindern, sie pflegen, ihr häufig schon bewusstloses Leben verlängern. Doch halte ich diese Form der Fürsorge für pervers. Sieht man von christlichen Fundamentalisten ab, die nur zu gerne ein schreckliches Sterben armer Sünder als Gottesstrafe vollziehen, glaube ich nicht, dass die selbsternannten Fürsorger sich am Elend ihrer Opfer weiden. Sie entmündigen sie nur, weil sie ihre eigene Todesangst im Todgeweihten wähnen, es besser wissen wollen als der oder die Sterbewillige. In Wahrheit kümmern sie sich nicht um einen anderen Menschen, sondern um ihre Seele, ihr verworrenes Bewusstsein. Die meisten von ihnen klagen das Recht jedes gezeugten Lebewesens ein, auf die Welt zu kommen, verweigern ihm aber das Recht, sie auch wieder zu verlassen, als sei Leben eine Strafe, die jeder absitzen müsse.

Noch immer ist in unserer Gesellschaft der Tod unverstanden und daher ein Tabu. (Dies war, wie Aries und andere gezeigt haben, nicht immer so.) Die moderne tabuierende Todesangst vieler Menschen kann nicht per Dekret aufgehoben werden, aber auch heute hat niemand das Recht, sie anderen aufzuzwingen. Wer Menschen die rudimentären Reste der in unserer Gesellschaft noch möglichen Selbstbestimmung verweigert, mag es noch so gut meinen. Er oder sie ist kein guter Mensch, sondern ein scheinheiliger Egoist, der von Liebe keine Ahnung hat und nur unglücklich in sich selbst vernarrt ist.

pawek@web.de © 2000 Karl Pawek a


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